Artikel aus der Frankfurter Rundschau
Index
- Robot Wars: Technik als Spielzeug
- Kein Jenseits: Die Millennium-Konferenz 1995
- Ideenbörse: Wettbewerb und Werbung
- Safety first: Technik und Wahn der Sicherheit
- Neuer Mensch: Transhumanismus
- Urheberrechte: digitale Medien
- Wer entscheidet? Mythologie der neuen Medien
Artikel aus der Frankfurter Rundschau
Stichwort: Technik als Spielzeug Frankfurter Rundschau
Feuilleton
28. September 1995
Robot Wars
Dirk de Pol
Heutzutage gibt es kaum noch einen Ernstfall der sich nicht mit Hilfe aufwendiger Computerspiele in den eigenen vier Wänden kontrolliert proben läßt, z.B. der Krieg. Spitzenreiter unter den Kriegsspielen ist gegenwärtig DOOM. Mit diesem Action Game sind die Zeiten vorbei, da man als Freizeitkrieger gegen immer gleiche und gleich angreifende und daher bald langweilige Monster antreten mußte. Denn DOOM erlaubt nicht nur Landschaften, Lichtverhältnisse, Bebauungen und die zum Einsatz kommenden Waffen zu designen. Nein, es erlaubt auch, die Früchte dieser kreativen Energie, die früher in den Bau einer Spielzeugeisenbahnanlage eingegangen sein mag, im Kampf gegen bis zu vier Mitspielern zu testen, mit denen man über ein Netzwerk verbunden ist. In diesen DEATHMATCHES wird bis zum bitteren Ende gekämpft, eine Schule auch für das Leben vor der Haustür? Oder einfach nur die zeitgemäße Art, sich vorm Ertrinken in der Flut der Kriegsbilder zu retten?Aber nicht nur Erzeugnisse wie DOOM bieten die Möglichkeit, aggressive Impulse spielerisch auszuagieren. Den sogenannten Laserdromes war allerdings nur ein kurzes Dasein vergönnt. Der Spaß einander mit Laserkanonen abzuschießen, wurde als menschenverachtend untersagt. Den spielerischen Formen von Stellvertreterkriegen kann man mit diesem Argument nicht beikommen. Das sieht man an einer neuen Form von Wettbewerben, die vor einigen Jahren in Japan begonnen haben und mittlerweile schon mit Preisgeldern bis über DM 100.000,- ausgetragen werden. In den U.S.A. ging gerade die zweite Veranstaltung dieser Art zu ende: die Robot Wars. Wer je den Film Der Terminator gesehen hat, wird zurecht dessen Anfangsszenen vor Augen haben. Sie zeigen hochgerüstete Maschinen, die sich gegenseitig massakrieren. Um nicht weniger geht es bei den japanischen und amerikanischen Robot Wars. Die Reize der in verschiedenen Gewichtsklassen bis 100 Kilo stattfindenden Kämpfe sind vielfältig. Nicht nur die Verrenkungen der Maschinen, sondern auch die der sie fernsteuernden Akteure zu beobachten, gereicht zum Zeitvertreib. Da jedermann teilnehmen kann, treffen Entwicklungen von Technologieriesen auf selbstgebastelte Eigenbauten, die nicht selten überlegen sind. Auf den Second Annual Robot Wars in San Francisco erheischte ein Modell mit überdimensionierten Huberschrauber(schneide!)blatt Bewunderung, das aber im dicken Holzpanzer einer so obsiegenden Schildkröte steckenblieb. Nicht weniger Ausgeburt martialischer Phantasie war ein auf den Kopf gestellter Rasenmäher, der natürlich ohne Schutzbleche auf seine Gegner losging! Vergleichsweise friedlich, aber sehr effizient bewegte sich ein Dreirad über das mit Schrauben und Schrott übersäte Schlachtfeld. An einer Schnur mit regulierbarer Länge zog es einen stacheligen Igel hinter sich her, sozusagen eine Kombination zwischen mitteralterlichem Morgenstern und argentinischer Bola, die sich durch geschicktes Fahren um den Feind wickelt. Sollte dieser die Bekanntschaft mit dem Igel überstehen, folgt das aus dem Wilden Westen bekannte Ich-ziehe-dich-mit-meinen-Lasso-Spiel. Für die in angemessener Distanz sitzenden Zuschauer war der Thrill allerdings erst immer dann am größten - ähnlich wie im Motorsport -, wenn eines der Monster außer Kontrolle und in ihre Ränge geriet. Fröhlicher kann man Zukunft wohl nicht üben.
© 1995 Dirk de Pol; © 1995 Frankfurter Rundschau
Artikel aus der Frankfurter Rundschau
Stichwort: Millennium-Konferenz 1995 Frankfurter Rundschau
Forum Humanwissenschaften
4. Oktober 1995
Kein Jenseits
Dirk de Pol
Wenn es kein richtiges Leben im falschen gibt, ist dann das Falsche einziger Maßstab, sprich: der Schein? Mit den Neuen Medien wird für die Medientheorie die Unterscheidung von Schein und Sein immer schwieriger. Warum das so ist und im Grunde auch so sein muß, hat der Kommunikationsprofessor Norbert Bolz auf der Millennium-Konferenz in Kassel erklärt, auf der 200 Teilnehmer über die Bedeutung der neuen Medien- und Computertechniken diskutierten. Medien seien so etwas wie das Apriori unserer Existenz. Da sich jede Wahrnehmung und Empfindung nur mit und durch Medien artikuliere, gäbe es kein Jenseits der Medien. Die neuen computergestützten Medien unterschieden sich von den traditionellen nur durch ihre Aufdringlichkeit. Diese Einsicht hat Prof. Bolz gezwungen, neu darüber nachzudenken, was Medialität heute bedeutet: "es geht in unserer Kultur nicht mehr um religiöse Kommunikation wie bisher, sondern um Kommunikation als Religion." Wir seien Teil einer bereits "unwiderstehlichen Medienevolution", von der unsere Kinder auszuschließen, "naiv und pädagogisch unverantwortlich" wäre. Denn "die Medien entfalten sich quasi naturgesetzlich, es gibt keine Option auszusteigen aus dieser Entwicklung." Daß die Unwiderstehlichkeit der Medienevolution auch die des Medienkapitals für die Medientheorie mit sich bringt, demonstriert Bolz in seinem aktuellen Werk über "Kult-Marketing". Er empfiehlt dort das "irrationale Begehren" der Konsumenten an das telematische Netz zu knüpfen, das ohnehin als technische "Implementierung der Religion" gelten müsse. Denn "Religio" heiße im lateinischen sowohl Kult, Gottesdienst, aber auch Verbindung. Da wir als Konsum- und Ekstase-Süchtige den Reizen des telematischen Netzes, das unsere Wünsche präzise registrieren und individuell befriedigen werde, nicht widerstehen könnten, sollten wir es auch nicht tun.Mit seiner Medikation mag Prof. Bolz falsch liegen. Aber einige seiner Diagnosen treffen zu. Das mußte der Sozialpädagoge und Drogenberater Harry Domberg in Kassel von ganz anderer Warte aus bestätigen. Die virtuellen Welten entsprächen den Anforderungen einer postmodernen Droge. Medienerfahrungen schaffen besondere Erlebnisse und Bewußtseinszustände, die genau wie Spielsucht, Sex, Einkaufen und Extremsportarten zu Suchtverhalten führen können. Eine Computersimulation löse in bestimmten Bereichen mehr Emotionen aus als eine reale Handlung, weil in ihr hemmungsloser agiert werden könne. Immer größer werde die Sucht nach Anerkennung und intensiven Gefühlen. Nach Domberg machen wir uns mit den neuen Kommunikationstechniken vor allem vor, in Kontakt zu sein, während sie uns real desorientieren und manipulieren. Solche Töne sind mittlerweile selbst von gestandenen Hackern wie Clifford Stoll zu hören. Im seinem neuen Buch "Silicon Snake Oil" heißt es: "Computer isolieren uns voneinander und schwächen die Bedeutung wirklicher Erfahrung. Sie arbeiten Bildung und Kreativität entgegen." In Amerika macht sich Ernüchterung breit. Computer backlash heißt der neue Trend. In Kassel waren einige Vertreter dieser Bewegung zugegen. Bill Henderson und die Mitglieder des amerikanischen Lead Pencil Clubs, dessen Präsident er ist, versuchen, alle unnötige Technik zu meiden. Sie sind eine Stimme im wachsenden Chor der Computerskeptizisten, der in Amerika immer mehr Zulauf auch von Computerexperten erhält. Steven Levy etwa, der in Deutschland durch sein Buch über Künstliche Intelligenz bekannt wurde, sieht eine Sicherheitsapokalypse auf uns zukommen. Das Problem bestünde darin, daß die Regierungen Angst hätten, die Benutzer des Internets mit ausreichenden Verschlüsselungswerkzeugen auszustatten, die Datensicherheit gewähren könnten. Für ihn ist entscheidend, wieviel automatische Sicherheitsroutinen in unsere Informationssysteme eingebaut werden. Denn die Praxis zeige, daß die Nutzer die Sicherheit vernachlässigen, wenn sie sich aktiv um sie kümmern müssen. Auch J.C. Herz, die Autorin des Bestsellers "Surfing on the Internet", ist über Bestrebungen der amerikanischen Regierung besorgt, anläßlich der Cyberporn-Debatte die Kontrolle über das Internet auszubauen. Der Informatikprofessor Wolfgang Coy wies darauf hin, daß auch die EU gegenwärtig plane, unser Recht auf Datenverschlüsselung zu beschneiden. Nicht anders als Amerika befürchten die europäischen Staaten im Zuge der Internationalisierung, die mit dem Internet gleichsam von unten komme, auch Kontrolle über ihre Bürger abgeben zu müssen. Man müsse sich fragen, ob das Konzept der Nationalstaaten nicht in absehbarer Zeit erledigt sei. Werner Klinder vom Genossenschaftlichen Rechenzentrum Kassel kritisierte, daß in den Gesprächen nicht die Rolle der global player angesprochen wurde. Time Warner, Walt Disney, AT&T, Microsoft, Compuserve und America Online hätten den Markt der virtuellen Welten bereits unter sich aufgeteilt. Schon heute würden sie die Netze beherrschen und ihr Geld verstecken können, wo sie wollen. Deshalb sei die Frage, wie wir als Marktteilnehmer in einer solchen weltumspannenden Technologie unsere Rolle definieren wollen. Daß die diskutierten Fragen hauptsächlich um das technisch Machbare kreisten und niemand explizit Fragen nach dem überhaupt Wünschenswerten stellte, zeugt von einem unausgesprochenen Konsens. Ob der auf uns zurollende Medienzug eine technopolische Oligarchie oder eine neue Form basisdemokratischer Weltregierung bringen wird, daran daß er aufzuhalten ist, glaubt keiner mehr. Die professionelle Medientheorie aber präsentiert sich in Deutschland immer häufiger als feedback-Schleife des zirkulierenden Medienkapitals. Sie erfüllt dabei ihre eigene Prophezeiung: Die Gesellschaftstheorie ist ein blinder Fleck.
© 1995 Dirk de Pol; © 1995 Frankfurter Rundschau
Artikel aus der Frankfurter Rundschau
Stichwort: Wettbewerb und Werbung Frankfurter Rundschau
Feuilleton
10. Oktober 1995
Ideenbörse
Dirk de Pol
Wer hat sich nicht schon einmal darüber schwarz geärgert, ein gerade erstandenes Produkt schon kurz darauf woanders wesentlich billiger zu sehen. Vor allem die Computer- und Elektronikanbieter wollen den Verbraucher vor solchen Enttäuschungen schützen und versprechen, die Differenz zurückzuzahlen, wenn man innerhalb einer Woche nach dem Kauf ein günstigeres Angebot für ein identisches Produkt findet. Von einer anderen Seite nähern sich Büros für Preisrecherchen dem Problem. Ihnen teilt man den besten Preis mit, den man selbst nachweisen kann. Finden sie dann einen günstigeren Anbieter, streichen sie einen Anteil der Differenz als Gebühr ein. Für teurere Erzeugnisse, wie z.B. aus dem Bereich der Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik, lohnt sich das oft. Doch schon bald wird es uns möglich, nicht nur Preisgefälle zu dämpfen, sondern auch auf Preise und Produkte Einfluß zu nehmen, und zwar dank der vielbeschworenen Datenautobahn. Preisrecherchen werden mit ihr zum lohnenden Spiel, wenn man seinen Kaufentschluß im virtuellen Markt versteigert: Wer ein bestimmtes Massenprodukt kaufen will, erteilt einfach eine verbindliche Kauforder unter Angabe des Höchstpreises, der Lauf- und gewünschten Lieferzeit. Verschiedene Anbieter können ihre Preise dann abgeben. Geschieht dies öffentlich, wird zudem ein nicht unerheblicher Werbeeffekt für den günstigsten Anbieter erzielt. So profitieren alle von diesem Verfahren: Der Netzbetreiber streicht Gebühren ein, der Kaufwillige kauft zum besten Preis, der Anbieter verkauft und wirbt, denn auch bloß Kaufinteressierte werden seine Angebote lesen.Auch das Teleshopping der Zukunft wird nicht mehr ausschließlich darin bestehen, ein Produkt zu einem festen Preis zu erwerben. Denn dieser wird zunehmend durch neue Formen des Kaufens bestimmt, die durch ihren spielerischen Charakter unterhaltsamer und daher attraktiver sind. Neben der im Internet von der Firma Onsale schon erfolgreich praktizierten Versteigerung von Luxusgütern ist dabei an eine börsenähnliche Preisbildung zu denken. Vieles ließe sich günstiger anbieten und auch herstellen, wenn der Verbraucher eine lange Lieferzeit akzeptiert und die Produktion erst beginnt, wenn eine bestimmte Mindestbestellmenge erreicht ist. Auf gleichem Wege könnte auch ein Übergang von unnötig in Massenproduktion gefertigen Waren zu individuelleren Angeboten gefunden werden. Ein Beispiel: Ein exklusives Produkt mit Sonderausstattung soll in einer bestimmten Zeit in einer Auflage von 1000 Stück hergestellt werden. Vier mögliche, verschiedene Versionen werden zunächst auf einem virtuellen Markt präsentiert. Der Zuspruch, den sie dort erfahren, entscheidet, welches Modell produziert wird. Die ersten 100 Besteller zahlen dann den günstigsten Preis bei längster Lieferzeit, der 900ste bis 1000ste Besteller den höchsten bei kürzester Lieferzeit. (In der Tourismusbranche funktioniert dieser Mechanismus umgekehrt, weil die Veranstalter schon bestehende Kontigente absetzen müssen.) Damit der potentielle Kunde die Werbe- und Präsentationsseiten für neue Angebote nicht nur frequentiert und so bloß einen unsicheren Schluß erlaubt, was ihm gefällt und was nicht, wird ein Anreiz für die Äußerung seiner Meinung geschaffen. Gibt er sie z.B. in Form kleiner Wetten darüber ab, welche Version produziert werden wird, kann er mit einem Kaufrabatt belohnt werden, wenn er richtig liegt. Zu wissen was ankommen wird, muß sich lohnen!
Ähnliche Mechanismen werden über kurz oder lang alle Aktivitäten im Netz regulieren. Gerade hat ein Doktorand des California Institute of Technology vorgeschlagen, wissenschaftliche Hypothesen und ihre finanzielle Förderung einem solchen Mechanismus zu unterwerfen (vgl. dazu: Wired, September 1995, S. 125). Wer einen innovativen Ansatz entwickelt, kann an einer Ideenbörse darauf setzen, daß er in einem bestimmten Zeitraum eine gewisse Wettquote erreicht, weil auch andere ihn unterstützen, sprich: auf ihn wetten. Neinsager und Konkurrenten könnten dann nicht länger die Innovation einfach durch Schweigen oder Mißachtung unterdrücken, sondern müßten gegen sie wetten, was mit einem Verlust von Geld und Reputation verbunden sein könnte. Ist es nur ein Frage der Zeit bis neben dem Teleshopping und der Marktforschung auch Politbarometer in einer solchen Börsenform eingerichtet werden?
© 1995 Dirk de Pol; © 1995 Frankfurter Rundschau
Artikel aus der Frankfurter Rundschau
Stichwort: Technik und Wahn der Sicherheit Frankfurter Rundschau
Feuilleton
12. Oktober 1995
Safety first
Dirk de Pol
Fälschungssichere Ausweispapiere und Geldnoten, Sicherheitsschlösser, ohne die keine Hausratversicherung mehr zahlt, Warensicherungs- und Alarmanlagen: je mehr Sicherheitstechnik uns umstellt, desto sicherer können wir sein, daß wir nicht mehr sicher sind. Das Geschäft mit der Angst blüht, denn immer häufiger ist sie begründet, vor allem die Angst vor dem Verlust des Eigentums. Schließlich kann man nicht immer alles im Auge haben, was einem Wert und teuer ist, z. B. das Auto. Nach den Wegfahrsperren, deren serienmäßiger Einbau sich solange verzögerte, das der Verdacht aufkam, man wolle den umsatzsteigernden Umschlag von gestohlenen Autos in den Osten nicht vorzeitig unterbinden, hat die Motorindustrie die Sicherheitstechnik als ein echtes Zusatzgeschäft erkannt. In fast alle Teile können gegen Aufpreis Minichips versenkt werden, die auch nach völliger Demontage des Objekts der Begierde eine Identifikation mit Hilfe von Lesegeräten erlauben. Daß bei solchen Angeboten nicht Sicherheits-, sondern wirtschaftliche Aspekte vorrangig sind, bewies die Autoindustrie, als sie ein Patent für nachrüstbare Airbags kaufte und dessen Einführung verhinderte. Wer will schon, daß plötzlich jeder Gebrauchtwagen mit einem Airbag auf den Markt drängt?Auch des Menschen bester Freund, genau wie Pferde, Kühe und sonstiges "Nutzvieh", läßt sich durch einen winzigen Chip schützen, der mühelos und blitzschnell mit einer Pistole unter die Haut geschossen wird und aus kurzer Entfernung lesbar ist. Für $ 25 Dollar können sie so ihren Ausreißer sichern und in die Datenbank der amerikanischen InfoPet Identifications Systems Inc. eintragen lassen. Allerdings wird es noch dauern bis auch unsere Tierheime mit entsprechenden Lesegeräten ausgestattet sind.
In Australien tragen Krankenhauspatienten den Chip schon an einem kleinen Armband. Verlaufen sie sich durch eine Tür mit Lesegerät, geht der Alarm los. Amerikanische Gefängnisse, die schon aus Platzmangel Gefangene auf fast freien, mit Minisender versehenen Fuß setzen, haben bereits ihr Interesse bekundet. In dem futuristischen Gefängnisfilm "The Fortress " ist der Höhepunkt dieser Technik zu bewundern. In ihm tragen Schwerverbrecher einen implantierten Minichip mit kleinem Sprengsatz, der das Raumproblem auf gleich zwei Arten angeht. Bewegt sich ein Delinquent außerhalb der ihm zugeordneten Bereiche und Wege, sprengt der Chip automatisch seine Halsschlagader. So läßt sich nicht nur viel Gitterstab sparen, sondern auch die Zahl der Insassen regulieren.
Science Fiction? Vielleicht, doch die Zukunft hat begonnen: ob Türen, die sich öffnen, wenn wir uns nähern, oder Sicherheitskameras in amerikanischen Einkaufszentren, die dank "fuzzy logic" Turnschuhe erkennen, stillen Alarm auslösen und so vor den potentiellen Dieben oder Störenfrieden warnen. Der Medienkünstler Peter Weibel träumt davon, daß sich solche Felder mit Sensoren und Schnittstellen unsichtbar über die ganze Stadt ausbreiten. Unser künftiges Haus werde zu einem programmierbaren Biofeedbacksystem, das erkennt, wie wir uns fühlen und ein entsprechendes Szenario für uns erschafft. Das muß man sich allerdings leisten und wiederum schützen können, was nicht minder intelligente Straßen und Verkehrsleit-, und städtische Sicherheitssysteme übernehmen.
Wenn sich erst über die ganze Stadt die auf amerikanischen Flughäfen schon aufgestellten verschließbaren Metallcontainer mit Bett, TV und Fax verbreitet haben, können wir auch außerhalb unserer persönlichen Hochsicherheitstrakte in städtische Zellen geschützter Privatheit fliehen. Hauptsache sie sind metallverkleidet. Andernfalls werden wir auch in ihnen mit den gerade entwickelten hochfrequenten Terrawellen-Lasern belauscht werden können, die durch nicht-metallische Stoffe hindurchgehen und dabei charakteristische Abstrahlungen erzeugen, die sich auf einem Detektor lesen lassen. Selbst ein mit unsichtbarer Geheimtinte geschriebener Brief verursacht eine solche Brechung und ist auch geschlossen lesbar. Immerhin: Terrawellen erkennen genauso die Zusammensetzung von Abgasen, gefährliche Fehler in Baumaterialien und lassen sich bei der Suche nach Waffen und Drogen einsetzen.
© 1995 Dirk de Pol; © 1995 Frankfurter Rundschau
Artikel aus der Frankfurter Rundschau
Stichwort: Transhumanismus Frankfurter Rundschau
Feuilleton
2. Novemer 1995
Neuer Mensch
Dirk de Pol
Schon für Hegel begrenzt und überschreitet sich der endliche Mensch aus Freiheit: ein prometheisches Grenzwesen. So kann und muß er als Mängelwesen einfach sein. Was wären wir schon allein mit unserem schlampigen und vergeßlichen Gehirn und ohne die grenzenlose Erweiterung unserer Sinne durch Elektronik und Computer? Totes Werkzeug ist widerspruchslos zum Organ geworden, so selbstverständlich wie Gliedmaßen.Schon bald steuern wir dank Gehirnwellenscanner mit reiner Willenskraft Maschinen und Implantate; das Gehirn gedopt mit neurostimulierenden Substanzen, den Wachstumsphasen angepaßt, um es im ausgewachsenen Zustand Stück für Stück durch kleine Biochips zu ersetzen, solange bis wir wortwörtlich nur noch die Elektronik im Kopf haben, deren Präzision uns einst beschämte, bloß geboren und nicht gemacht zu sein. Dann ewig, kopierbar und kaleidoskopisch mit sich selbst kommuniziert unser Geist, der sich ins Computernetz verselbständigt, um mit dem telematischen Weltgeist zu verschmelzen. Damit wir für solche Anforderungen der Mensch-Maschine-Synergie gewachsen und gewappnet sind, wenn die Künstlichen Intelligenzen ihren menschlichen Haustieren die wahre Bedeutung der Industriellen Revolution beibringen wollen, haben wir schon lange begonnen, uns mit Keimbahn-Therapie und Cloning in einem ganz neuen Sinn zu "informieren". Mit unserer mächtigen Programmiersprache DNS suchen wir Antworten auf die bedrohlichen exponentiellen Steigerungen maschineller Intelligenz. Wenn wir dabei die Obergrenze einer physikalisch wie ästhetisch zumutbaren Größe erreichen und auch im Körper kein Platz mehr ist für Implantate und ein gentechnisches Tuning der Intelligenz und Reflexe, werden wir die nächste Stufe der Evolution erklettern. Vielleicht durch ein gigantisches Funksystem, bevor Telepathie zum neuen Kommunikationsstandard wird, schließen sich, für uns unmerklich, kaum beanspruchte Teile unserer sechs Milliarden Gehirne zur Parallelverarbeitung zusammen. Dann endlich verfügen wir über die Rechenleistung, die es braucht, um mit der DNS ein Lebewesen zu entwickeln, das sich während es lebt unmittelbar reprogrammieren kann: den Universal-Organismus, der jede Lebensbedingung und vor allem jede Universal-Maschine meistert. So kann und muß der Mensch einfach sein.
© 1995 Dirk de Pol; © 1995 Frankfurter Rundschau
Artikel aus der Frankfurter Rundschau
Stichwort: Copyright Frankfurter Rundschau
Feuilleton
9. November 1995
Urheberrechte
Dirk de Pol
In rasender Zeit, zu der, was ankommen will, wenn nicht neu sein, wenigstens so erscheinen muß, verlassen sich immer weniger auf eigene Antriebe und Ideen. Bücher, CDs, Videos, Software, Zeitungslayouts und Artikel, Firmen- und Produktlogos werden wild kopiert, bis hin zum Erscheinungsbild eines Fernsehsenders, wie Pro 7 gerade zeigt. Kreative bemühen sich deshalb immer wieder, ihre Einfälle und Werke zu schützen. Der oberste amerikanische Gerichtshof etwa entscheidet gerade über mehrere Klagen gegen mögliche Copyrightverletzungen im World Wide Web, einer Art graphischer Benutzeroberfläche, die aus Home-Pages besteht und erlaubt sich im Internet per Mausklick zu bewegen. Viele, die dort eine Institution errichten oder werben möchten, wollen auf einen Wiedererkennungseffekt nicht verzichten, der durch die Nachahmung der graphischen Gestaltung ihrer Seiten gemindert werden könnte. Deswegen wird das Ad- und Home-Page-Busting in diesem noch neuen Bereich nicht gerne gesehen. Formen anderer Art will der Berliner Mario Koss schützen lassen. Gerade vor drei Jahren noch mit einer Laubsäge, heute mit eigener Firma und einem speziell für diesen Zweck entwickelten Lasergerät schneidet der findige Jungunternehmer den äußeren Rand von Musik-CDs, der keine Informationen enthält, werbewirksam zu. Ob für eine CD von Coca-Cola die Form einer Dose, für McDonald´s die eines Hamburgers oder für die Greatest Hits von Queen ein Q: über 1000 Formen sind dabei im Angebot.Da die Konkurrenz nicht schläft, wollen sie rechtlich geschützt sein. Darum kümmert sich der Patentanwalt des Unternehmens mit Millionenumsatz. Ein aussichtsloses Unterfangen? In der Gentechnik malt schon lange zuerst, wer zuerst kommt. Hier wird nicht er- sondern gefunden. So hat der Laborleiter Jeffrey Friedman das Gen entdeckt und zum Patent angemeldet, das für Fettsucht verantwortlich ist. Die New Yorker Rockefeller-Universität zahlte vier Millionen Dollar dafür und verkaufte es dann für dreizehn Millionen an die Pharmafirma Amgen weiter. Schließlich wären die damit vielleicht herstellbaren Appetitzügler soviel wert wie eine Lizenz zum Gelddrucken.
Wie phantastisch auf diesem Markt die Frage des Urheberrechts ist, zeigt auch die Geschichte des Amerikaners John Moore. Sein Arzt David W. Golde hat seinem Namen alle Ehre gemacht, als er einen mutierten, aber sehr effizienten neuen Abwehrstoff in der Milz von Moore fand, als Erfindung patentieren und dann von einer Genfirma für 3 Millionen Dollar "vergolden" ließ. Der eigentliche "Urheber" Moore ging leer aus. Muß sich also jeder, der Blut-, Urin- und andere Proben seines Könnens gibt, seine Rechte an den darin enthaltenen Erfindungen schriftlich bestätigen lassen? Schon die Softwarefirma Lotus, deren Produkte oft kopiert wurden, argumentierte, daß Software genau wie ein literarisches Werk dem Urheberrecht als Ganzes unterliegt. Sollte das nicht erst recht für die Programmiersprache DNS und alle in ihr geschriebenen Programme gelten? Doch da sie uns wie nichts zuvor alle betreffen, dürfen nicht einige alle Rechte an ihnen halten.
© 1995 Dirk de Pol; © 1995 Frankfurter Rundschau
Artikel aus der Frankfurter Rundschau
Stichwort: Mythologie der neuen Medien Frankfurter Rundschau
Forum Humanwissenschaften
2. April 1996
Wer entscheidet?
Dirk de Pol
Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss schreibt in seinem Buch "Das Rohe und das Gekochte", daß den Wilden die Eigenschaften ihres mythischen Denkens verborgen bleiben. Diese Einsicht dehnte er auf sein wissenschaftliches Denken, die Mythenanalyse, aus. Warum sollte es dem Ethnologen auch anders als den Wilden gehen? Von sich, dem Subjekt, sah er ab, um die Mythen nicht zu verzerren. So erfand er die subjektlose Ethnologie. Sie erkennt nicht wie "die Menschen in Mythen", sondern wie "die Mythen in den Menschen ohne deren Wissen denken". D.h. die Mythen denken sich bloß untereinander. Doch wer Mythen erzählt oder analysiert, konstruiert und verändert sie zugleich. Das gilt für Lévi-Strauss genau wie für uns. Wer dem von ihnen verhängten Schicksal blind folgen möchte, muß schon willentlich die Augen schließen. Andernfalls droht eine Erkenntnis des Denkens und der eigenen Interessen.Es ist kein Zufall, daß die deutsche Medientheorie Kunststücke nach diesem Muster vorführt. Man könnte darin ein Echo des Schicksalsruf des Seins hören, der Heidegger erst in die Irre führte. Später vernahm er diesen Ruf als sich und uns (ver-)sprechende Sprache. Im historisch unbefangeneren Frankreich klang das nicht nur bei Lévi-Strauss, Jacques Lacan und Michel Foucault so erfolgreich nach, daß der Reimport und Weiterverarbeitungen nicht ausbleiben konnten.
Der Erkenntnis, wie vermessen der Anspruch einer subjektlosen, strukturalistischen, gleichsam objektiven Analyse der Diskurse, Sprachen, Codes und Texte dieser Welt ist, folgte die Erfindung des Intertextes: ein schon poststrukturalistisches Konzept, das die unausschöpfbaren Verbindungen und Verzweigungen in den Blick nimmt. Doch ganz von der Sprache gesprochen und so von den Lasten des Humanismus und der Aufklärung befreit, wollten einfach zu viele fröhliche Wissenschaftler - je nach Charakter ohnmächtig, paranoid oder lustvoll - im uns einspinnenden Intertext versterben: als denkende und verantwortliche Subjekte. Zum Glück war bald eine andere Spielwiese gefunden: die technische Implementierung des Intertextes als Medienverbund und Internet! Mit ihren Texten, Bildern und Tönen adressieren sie uns als Resonanzkörper und Projektionsfläche. Ein telematischer Weltgeist denkt sich selbst und gebiert den Mythos der unaufhaltsamen und unwiderstehlichen Medienevolution.
Dieser Mythos beschwört die Entwicklung der Medien als natürliche Evolution, in der wir keine Rolle mehr spielen und für deren Katastrophen wir deshalb nicht verantwortlich sind. Die Medien: ein vampiristisch-parasitäres Geflecht, das über jede Nische und orbital über die Welt hinaus wächst. Kein Wunder, daß ihre Theorie sich Vorläufer so einverleibt wie die hungrigen neuen Medien die alten (uns eingeschlossen).
Selbst ein gestandener Diskursanalytiker wie Friedrich Kittler hat erkannt, daß der Zeitgeist erlaubt, sein technoides Begehren zu verallgemeinern. Was Foucault von den Diskursen behauptet - ihre Materialität "kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert" -, gilt nun für die stets aus der Kriegstechnik entstandene Medientechnik. Jede Analyse des historischen müsse daher zum technischen Apriori fortschreiten. "Unter hochtechnischen Bedingungen" seien politische, ökonomische und kulturelle Diskurse nur "nebensächlich". Die Nachhut kann so schon die Relativierung der Medialität der neuen Medien in Angriff nehmen.
Scheinbar radikal konstruktiv heißt es etwa bei Rudolf Maresch, dem Herausgeber des gerade erschienenen, sehr kontroversen Bandes "Medien und Öffentlichkeit": "›Lebendige Erfahrung‹ ist ohne die Vermittlung von Medien, auch so vergessener altmodischer Medien wie Licht, Wasser, Sand, Steine, Luft usw. ... gar nicht denkbar." Wozu also die Aufregung? Ist alle Wahrnehmung medial, wird die Frage hinfällig, "wie Medien die Realität verzerren". Ohnehin sind technische Medien der einzige Maßstab, denn, so hat Maresch von Kittler gelernt, nur was "schaltbar ist und geschaltet wird, ist überhaupt".
Richtig, das Gehirn läßt sich als "Empfangsmedium" begreifen, das Wahrnehmungen aus den medialen Impulsen der Außenwelt durch Selektion und Interpretation gleichsam automatisch konstruiert, weil es Wirklichkeit als solche nicht abbilden oder repräsentieren kann. Doch damit ist der Unterschied zu den keinesfalls automatischen Konstruktionen der technischen Medien, wie etwa das Fernsehen oder Internet, die ganz anders selektieren und interpretieren, nicht aufgehoben. Und selbst wenn die Position, daß alle Wahrnehmung oder Erkenntnis bloß Konstruktion und Schein sei, erkenntniskritisch wäre: als Metaerkenntnis fiele sie doch dem damit beschworenen Relativismus zum Opfer. So werden Entscheidungen notwendig ...
Nur rhetorisch sind die Fragen, ob "die medial-technische Eskalation gar das Ende einer ... Epoche der Moderne" einleitet, oder ob mit dem Medienverbund nur "Gleichschaltung und Homogenisierung" auf uns zukommt, wie Maresch noch Kittler stellvertretend paranoid vermuten läßt. Aus Maresch hingegen spricht schon die Objektivität des "Es wird gewesen sein": "Bestrebungen, die Evolution medial-technischer Dispositive zu einem totalen und absoluten System aufzuhalten oder gar zum Einsturz zu bringen, sind illusionär und melancholische Gefechte après la guérre".
Im Interview mit dem als jungkonservativ geltenden Walter Seitter, dem sich unser Jahrhundert samt seiner Medientechnik nicht ohne Ironie als "Jahrhundert der Megaflops" darstellt, will Maresch daher unbeirrbar insistierend nur wissen - "Megaflop hin oder her" -, ob er nicht sehe, daß mittlerweile "Siliziumchips und deren Architekturen ... die Verkehrs- und Kommunikationsverhältnisse zwischen Menschen und Staaten usw. regeln". Seitter aber versteht zwar das Desiderat, daß vielleicht "Medientechnik selber die Souveränität erlangt hat". Doch genausowenig wie Maresch auf seine Stilisierung als Sprachrohr der subjektlosen Medienapokalypse mag Seitter auf seine als kriegerischer "Solitär" verzichten. Er sieht nur die Gefahr einer subjektgesteuerten "priesterliche(n) Medienaktivität", die, wie schon teilweise in Ostblockländern, "Politiker, Parteien, Wahlen, Parlamente in eigener Regie ›herstellt‹." In diesem Getriebe dürfen neben den Priestern auch andere Subjekte oder "Sandkörner" eine entscheidende Rolle spielen.
Solche Hoffnungen sind für Maresch, ob nun von Seitter oder Jürgen Habermas vorgetragen, nur "Abfallprodukt(e)" der Macht, die sich "mit ›Polarisierung‹, mit einem lebensweltlich abgesicherten ›Gegenentwurf‹ für zukünftige ›Gegenmächte‹ ... verwechseln". Mit seiner Vision des "technisch funktionierenden ›Weltstaats‹ (E. Jünger)", die er mit Foucault und Carl Schmitt ausmalt, entscheidet Maresch, daß der mediale Ausnahmezustand schon der Normalfall ist. Wieder eine Strategie, die den Vorlauf der Informationsgesellschaft zu ihrem ohnehin unaufhaltsamen Tode beschleunigen will, damit das Neue beginne?
Ob sie nun apokalyptisch oder integriert ist und ein "Lob des Eklektizismus" und des "Opportunismus" (Norbert Bolz) singt, Medientheorie ist nie bloß eine positivistische Beschreibung der Medienwirklichkeit. Wer diese Möglichkeit behauptet oder Technikgeschichte als Naturgeschichte stilisiert, betreibt eine subjektlose, fatalistische Geschichtsphilosophie. Daß wir mit unseren Konzepten, Theorien, Mythen und Handlungen im evolutionären Chaos der offenen Systeme von Ökologie und Ökonomie, Politik und Gesellschaft erst konkurrierende Ordnungen schaffen, muß eine solche Medientheorie herunterspielen. Wie unhaltbar diese Position ist, gestehen ihre unter Beschuß geratene Vertreter allmählich ein, demonstrieren es praktisch allerdings schon länger. Damit sich ihre Orakelsprüche erfüllen, sind sie auch in der Managementberatung und Werbung tätig: eine Betroffenheit mit Machtinstinkt.
Wer aber die Frage nach der Macht, die gerade auch für die Medientheorie relevant ist, wieder bloß entscheidet, indem er sich mit ihr verbündet, sollte sich nicht wundern, wenn Kritik und Polemik antworten. Immerhin: mittlerweile gehen Apokalyptiker und Integrierte aufeinander los. Der Markt für eine mythische Medientheorie wird enger.
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Frankfurter Rundschau
Artikel von Dirk de Pol in Frankfurter Rundschau N.G. / F.H. Der Tagesspiegel taz - die tageszeitung telepolis Die Zeit Philosophisches Jahrbuch
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