Artikel aus der Neuen Gesellschaft / Frankfurter Hefte
Index
- Von der besten aller möglichen Weltreligionen: Marketing der Zukunft
- Die Medien und das Machbare: Die Millennium-Konferenz 1995
- DNS - Ein neuer Supercomputer?
Artikel aus der Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte
Stichwort: Marketing der Zukunft Die Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte
September 1995Von der besten aller möglichen Weltreligionen
Dirk de Pol
Der Trendforscher Matthias Horx hat mit seinem "Trendbuch", dem "Trendwörter-Lexikon" und dem Buch über "Markenkult-Kultmarken" zweifelsohne einen Trend gesetzt. Es war nur eine Frage der Zeit und des Namings (so heißt es, wenn man einen Trend benennt), bis sich der Zeitgeist in Form eines Werkes über Kult-Marketing materialisieren würde. So ist es nun geschehen. Norbert Bolz und David Bosshart haben ein Buch mit dem Titel "Kult-Marketing: Die neuen Götter des Marktes" vorgelegt. Naming ist alles: Kult-Marketing, das klingt neu, das klingt trendy! Und soviel läßt sich schon verstehen: Marketing wird durch zwei Faktoren der Märkte zu Kult-Marketing: 1. Konsum ist heute Konsum von Produkten, denen eine kultische Verehrung zuteil wird. 2. Da diese nie lange vorhält, ist Konsum selbst zum Kult der "ultimativ letzten Religion dieser Welt" geworden: dem Kapitalismus."Davon später mehr." So lautet der häufigste Satz des Buches, der vor allem die Wiederholungen, Widersprüche und Sprünge kaschieren soll. Ungewollt drückt er jedoch auch eine andere Einsicht der Autoren aus und erlaubt, diese schon während der Lektüre zu überprüfen: der Konsument, in diesem Fall der Leser, habe nicht Bedürfnisse, die stillbar seien, sondern "irrationale Begehren", deren Befriedigung sich nur kurzfristig suggerieren lasse. Für Manager ist das die frohe Botschaft. Der Konsum ist so unendlich wie das Begehren, das er nie befriedigen kann, seit es sich von dem einen Gott, dessen Reich all unser Sehnen galt, gelöst hat und nun frei flottiert zwischen den stets neu erscheinenden Göttern des heidnischen Marktes: Cobain, Coke, Nike, ect. Werbung besetze die vakant gewordene Funktionstelle von Religion und verspreche inmitten einer bis zur Sinnlosigkeit aufgeklärten Welt mit ihren Kult-Produkten zugleich Ordnung und Faszination. Popkultur sei dabei zur zentralen Kultur aufgestiegen. Mit ihr habe bislang verdrängte Perversität und Vulgarität Einzug in Konsum und Marketing gehalten (McDonald z.B. wirbt aktuell: "Schnauze voll für DM 8,29"). Marktnähe, so eine Formel von Bosshart, sei heute nur noch durch Vulgarität und Heiligkeit zu erreichen. Für ihn ist die Hauptfunktion einer Demokratie, Subkulturen hervorzubringen. Sie sind kostbare Quellen von Trends, die sich profitabel in Mainstream-Kultur umsetzen lassen. Kult-Marketing und Szene-Spione sollen dabei den innovativen Unternehmen erlauben, auch auf die Konsumverweigerung der Generation X und der Technokultur zu antworten, kurz: die Subkultur mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.
Vor allem die als Nieten in Nadelstreifen in Verruf geratenen Manager und deren Strategielieferanten sollen mit solchen Aussichten geködert werden: also Unternehmensberater, aber auch Trendforscher, die die Autoren als - Überraschung! - deren Nachfolger betrachten. Damit handelt es sich um ein Buch für jeden, der das eine oder andere werden oder einfach erfahren will, was als nächstes vom Kartell der Kassierer zu erwarten sein könnte.
Der Beitrag des in der Sachbuch-Szene noch unbekannten Trendforschers David Bosshart beschränkt sich dabei auf 120 der 370 Seiten des Werkes und vor allem darauf, dieses neu wirken zu lassen. Das ist schon deswegen nötig, weil der Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz, über den bereits der Spiegel, Focus und der Merkur zu Gericht saßen, erneut seiner Überzeugung huldigt, daß man im Computerzeitalter keinen Autor brauche, denn Geist sei sowieso nur der Inbegriff aller möglichen Datenkombinationen, und Kultur das Spiel auf der Tastatur des Gehirns. Das Buch "Kult-Marketing" zeigt mehr als die übrigen Werke des ehemaligen Philosophen, daß das insbesondere ein Spiel mit der Kopier- und Löschtaste meint. Auch bei seinem aktuellen Versuch eines Gesamtkunstwerks will Bolz nicht auf schon Geleistetes verzichten, oder anders formuliert: Sachbücher stehen mittlerweile im Zeichen des Samplings. Unter dem Vorwand eines Marketings der Zukunft fügt sich sein erstes Buch im Econ-Verlag, "Das kontrollierte Chaos", mit dem früheren "Ende der Gutenberg-Galaxis" zu einer neuen "modularen Anordnung" zusammen. Das Vorwort preist diese als "lesefreundlich" und die sich zwangsläufig einstellende Redundanz als "Gewinn an Orientierung". Kult-Marketing ist so trotz aller Bemühungen von Bosshart vor allem Endpunkt der Bolzschen Bewegung von der Philosophie in den Sachbuch-Mainstream. Als großer Vereinfacher, der die Konsequenz aus der Brot- und Folgenlosigkeit gegenwärtiger Philosophie gezogen hat, begibt sich Bolz erneut willig in den werbewirksamen Verdacht, wie er sagt, Herold einer neuen Barbarei des rechten Zeitgeistes zu sein. Wie konnte es dazu kommen und was gibt es in Kult-Marketing wirklich Neues?
Mit dem Philosophen Jacob Taubes hat sich Bolz zu Beginn seiner Karriere nicht ohne Voraussicht einen Experten für Heilslehre als Mentor gewählt. Nach dessen Tod hat er sich von der Hermeneutik ab und dem Poststrukturalismus und Nietzsche zugewandt. Vom Umwerter aller Werter lernt Bolz, daß eine Remythisierung der rationalistisch entzauberten Welt unausweichlich und notwendig ist. Im aktuellen Werk liest sich das so: Gegen die Entzauberung der Welt durch Wissenschaften setzt das Kult-Marketing heute auf Strategien der ästhetischen Wiederverzauberung. Bolz folgt dabei ganz dem Motto: Wenn es kein richtiges Leben im Falschen gibt, dann kann nur das Falsche einziger Maßstab sein, sprich: der Schein, dessen totale Herrschaft er mit einer alle Grenzen sprengenden Technologie heraufziehen sieht.
Denen, die noch philosophischen Bauchspeck mit sich schleppen, empfiehlt Bolz in seiner Philosophie nach ihrem Ende radikale Bewußtseinsdiäten und Abstinenz von der Droge Hermeneutik, die sich der Bildungshumanismus verabreicht, um die Welt der elektromagnetischen Wellen, Strahlungen und Bitströme vergessen zu machen. Unter deren Dauerbeschuß ist ihm die Formierung des wahrhaft aktuellen Denkens als Medientheorie gelungen. In seiner Theorie der neuen Medien spannt er dann schon kühn den Bogen von Wagner zu Pink Floyd und McLuhan: Stationen auf dem Weg zum Gesamtkunstwerk der Zukunft.
Auch in Kult-Marketing hat Bolz nur Spott und Mitleid übrig für die "Leidensschauspieler und Notstandsstellvertreter", womit diesmal Grüne, Feministinnen, Friedensbewegte usw. gemeint sind. Ihre Ressource werde immer knapper und kostbarer, da es ja immer weniger Übel auf der Welt gebe. Anders als Bolz haben sie noch nicht begriffen, daß man hochkomplexe Zusammenhänge ... nicht moralisch beurteilen, sondern nur vereinfachen kann. So beschränkt sich Bolz erneut darauf, das Hohelied einer telematischen Gesellschaft zu singen, die Tele-Kommunikation, Informatik, Multimedia zu einer noch nie dagewesenen Synthese führen und alle Bereiche des Lebens verändern soll. Für ihn ist dabei die noch humanistische Hoffnung auf eine Vernetzung sich verständigender Subjekte bloß ignorant. An Habermas gerichtet heißt es in Kult-Marketing: "Der Konsens der räsonierenden Bürger ist die blaue Blume der Aufklärung im Land der neuen Medien. Massenmedien dienen entweder dem Information Processing oder dem Marketing". Mit der Verlängerung der menschlichen Sinne in die telematische Welt seien wir nicht länger souveräne Nutzer von Medienwerkzeugen, sondern nur noch synaptische Knotenpunkte eines telematischen Weltgeistes.
Das telematische Netz preist Bolz - und das ist neben den eingestreuten suggestiven Kult-Marketing-Formeln wirklich neu! -, als ultimative (Er-)Lösung. Im Medienverbund gelänge uns eine postchristliche Umbesetzung der Transzendenz. Was könnte auch näherliegend sein, als die telematischen Erzeugnisse als Kult-Produkte zu stilisieren und das irrationale Begehren der Konsumenten an das Netz zu binden? Und das geht so: da "Religio" im lateinischen sowohl Kult, Gottesdienst, aber auch Verbindlichkeit heiße, könne das uns verbindende telematische Netz als technische Implementierung der Religion verstanden werden. Glaube, Liebe und Hoffnung übernimmt das Internet. Das Göttliche ist das Netzwerk. Also dürfen wir uns ihm ohne schlechtes Gewissen hingeben. Materielle Grundlage der Weltreligion des Kapitalismus soll eine kultisch verehrte Technologie sein, deren Produkte die begehrtesten gadgets der Zukunft sein werden. "Darauf müssen sich Werbung, Marketing und Design in Zukunft einrichten."
Von einer zukünftigen Synergie von Mensch und Maschine ist dann zwar in Kult-Marketing auch noch die Rede. Aber Empfehlungen im Stil seiner "Philosophie nach ihrem Ende" waren Bolz für das Sachbuch-Publikum dann wohl doch zu drastisch. Dort nämlich heißt es, das Mängelwesen Mensch müsse sich nicht nur der ihn erweiternden Telematik, sondern auch der Gentechnik öffnen. Mit dem Leib werde sie auch das Wesen des Menschen ändern: "human engineering steuert heute in der Gentechnologie ein großartiges Endstadium an". Der gentechnisch instruierte Mensch soll den Text des Lebens und das Buch der Natur neu schreiben. Mit dem genetischen Code seien wir im Begriff, uns ganz neu zu informieren, nämlich durch Keimbahn-Therapie und Cloning.
Mit seinen Vorstellungen zur zukünftigen Telematik, die nicht nur Kult-Produkte hervorbringen, sondern selbst Gegenstand kultischer Verehrung sein werde, wagt sich Bolz in Kult-Marketing wieder weit in das Terrain der Science Fiction Autoren vor. Tatsächlich hat er sich mit dem gegenwärtig prominentesten unter ihnen ausgiebig, wenn auch sehr selektiv beschäftigt. Von William Gibson bezieht Bolz viele seiner Ideen, hebt aber vor allem die Vision des Cyberspace, der Datenautobahn der Zukunft, romantisierend hervor. Das ist schon deswegen befremdlich, weil gerade Gibson in seinen Romanen die Horrorvision einer spätkapitalistischen Welt entwirft, wie sie entstehen könnte, wenn wahr wird, was sich Bolz wünscht: das Herausdrehen aller ethischen Sicherungen. Sollte an den Szenarien Gibsons etwas sein, das dem Experten des Kult-Marketings nicht ins Konzept paßt?
In Gibsons Welt sind Regierungen nur noch Sprachrohr der Interessen der Wirtschaftstrusts, die das Innovationspotential chaotischer Subkulturen erkannt haben. Deshalb dulden sie den "Sprawl", einen rechtsfreien Raum, der von rivalisierenden Horden bevölkert wird, die mit Schwarzmarktgeschäften ihren je eigenen faustischen Traum finanzieren, der in "Schwarzen Kliniken" mit Hilfe von Gentechnik und Implantaten realisierbar ist. Plastischer kann man sich die negative Utopie, die aus dem resultiert, was uns Bolz und Bosshart verschreiben, nicht vor Augen führen. Man trägt die Gesichter der aktuellen Medienstars, wechselt nach Lust das Geschlecht, hat hochfrisierte Gehirnkapazität oder programmierbare Reflexe, die man auch vermieten kann. Die Gentechnik macht es möglich: Je nach Geschmack läßt man sich Alpträume oder Sinneseindrücke und Empfindungen der Megastars über einen telematischen Neuralanschluß unmittelbar ins Gehirn einspielen. Die Außenwelt und das Es sind zu digital reproduzierbaren und kontrollierbaren Träumen geworden, die das Netz als ultimatives Sedativum anbietet.
Gibson zeichnet aber nicht nur ein pessimistisches Bild einer Gesellschaft jenseits von Gut und Böse. Er stellt uns Gentechnik und Telematik als Schwarze Magie vor. Das paßt Bolz, der in Kult-Marketing der Telematik den Schein des Göttlichen verleihen will, nicht ins Konzept! Bei Gibson gerät die Datenautobahn unter die Herrschaft Künstlicher Intelligenzen, die noch ganz am Anfang ihrer Persönlichkeitsentwicklung stehen und nur durch Rituale des Voodoo-Kultes beschwört werden können. Wie griechische Götter, greifen sie in den Lauf der Dinge ein. Als Schwarze Magie darf Bolz die Telematik jedoch nicht thematisieren. Er kann nicht gleichzeitig ihr optimistischer Überbaukonstrukteur und andererseits der Philosoph sein, der uns darlegt, inwiefern die Telematik Teufelszeug ist. Denn er ist vor allem als Experte der "Malitätsbonisierung" gefragt, d.h. als der, der das Böse entübelt.
Schon im Kontrollierten Chaos gibt sich Bolz als ein Sohn des Odysseus, der sich stellvertretend den Reizen des Bösen aussetzt, um den Managern von heute vorzumachen, wie man im Chaos der explodierenden Weltmärkte navigiert. Doch dort, genau wie in Kult-Marketing, zögert der "Tele-Macho" aber auszumalen, warum die Telematik in der Tat die entscheidende Schlacht ist. Sie ist es deshalb, weil mit ihr vielleicht der entscheidende Mangel des Bösen behoben werden kann: Das Böse ist nämlich bislang nur als Konkretes und d.h. Begrenztes in Erscheinung getreten. Deswegen wirkt es im Vergleich mit unbegrenzter, göttlicher Allmacht defizitär, mangelhaft und bisweilen lächerlich. Eine weltumspannende, omnipotente Telematik, könnte sich mit göttlicher Allmacht messen. Doch dabei ist sie aber gerade als Böses denkbar. Das wird deutlich, wenn wir uns anschauen, wie der von Bolz oft bemühte Schelling das Böse definiert. Für ihn sind der Leib und die Leidenschaften in ihrer Animalität unschuldig. Das Böse entstammt nicht ihnen, sondern dem rein Geistigen, das erst den Krieg gegen alles Lebendige und Leibliche führen kann. Durch das Geistige kann aus der Wahrnehmung Einbildung, aus dem Bedürfnis unstillbares Begehren werden. Das Geistige produziert das Böse aber erst recht in der Potenzierung zum technischen Maschinengeist, denn nach Schelling ist das Böse: "ein Scheinbild des Lebens - ein Schwanken zwischen Seyn und Nichtseyn", das "dem Gefühl sich als etwas sehr Reelles ankündigt." Nichts anderes stellt die Telematik in Aussicht. Wie auch die Gentechnik verspricht sie nur, was wir uns von jedem Teufelspakt erhoffen: Raum und Zeit dem eigenen Erleben zu unterwerfen, damit sich die Intensität des zu kurzen Lebens steigert.
Erst in diesem Zusammenhang wird deutlich, was vom Versuch einer Vergöttlichung der Telematik und ihrer Produkte zu halten ist. Sicherlich ist mit den neuen Techniken der Horizont des Leibes und damit auch der der Ethik aufgebrochen. Aber wer diese Entwicklung rückhaltlos bejaht, betreibt Nietzsches, von Bolz nicht zufällig zitiertes Programm der "Heiligung der mächtigsten, furchtbarsten, bestverrufenen Kräfte: die Vergöttlichung des Teufels", und zwar im Zeitalter seiner technologischen Perfektibilität. Mit seiner Formel "Heiligkeit und Vulgarität" stimmt Bosshart in diesen Reigen ein. Deren Ergebnis ist weniger, wie er meint, Marktnähe, sondern ein ideologischer Satanismus, vor dessen Karren er genau wie Bolz glaubt, den Esel des Kapitalismus spannen zu können. Beide plädieren in Kult-Marketing für eine totale Überantwortung an die Dynamik des Kapitalismus und setzen dabei auf die Dialektik des ästhetischen Satanismus der modernen Avantgarde, der wir eine noch bis heute anhaltende Tyrannei ewig neuer Trends und Moden verdanken. Aber gerade damit stehen sie der pluralistischen Postmoderne entgegen: diese schließt nämlich auch die Freiheit ein, gegen oder quer zum Zeitgeist zu leben. Für Bolz und Bosshart ist indes fraglos, daß es immer schwieriger wird, subversiv oder Underground zu sein. "Das große Nein negiert nichts mehr, sondern wird unmittelbar vermarktet." Mit immer perfekteren Simulationen von Bedürfnisbefriedigung werde die telematische Gesellschaft uns ohnehin fesseln. Den Medien- genau wie den Moderummel könne man nicht und sollte man daher "gar nicht erst ignorieren". Immerhin: Individualisierung bleibt als die des gläsernen Konsumenten bestehen. Ein telematisches Mikro-Marketing wird dessen Begehren präzise registrieren und kontrollieren, und zwar bis zum endgültigen Tod des Massenmarktes. Gibson läßt grüßen und Gates steht vor der Tür.
Die auf Hochtouren laufenden Kampagnen für Multimedia und die Datenautobahn lassen keinen Zweifel daran, daß Manager und Politiker das Netz weben werden, in das uns auch Bolz und Bosshart im Namen des Marketings der Zukunft locken. Die Frage sei nur, ob man in ihm als Fliege zappelt oder als "Spinne souverän im Netz agiert."
© 1995 Dirk de Pol; © 1995 Die Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte
Artikel aus der NG / FH
Stichwort: Millenium-Konferenz 1995 Die Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte
September 1995Die Medien und das Machbare
Dirk de Pol
Wer könnte mehr berufen sein als die Experten der Verwertung immer kurzlebigerer Trends, wenn nicht Zukunft, dann doch eine Konferenz, die sie bedenkt, auszurichten? So ist es in der Kasseler documenta-Halle vom 26.-27. September geschehen. Das Trendbüro Hamburg, 1992 von Matthias Horx und dem Kommunikationsprofessor Peter Wippermann gegründet, hat mit tatkräftiger Unterstützung der Kabel New Media und der gleichfalls von Wippermann mitbegründeten Kabel Hamburg GmbH die "future conference" "Millennium" veranstaltet.Gemahnt durch Ministerpräsident Hans Eichels Eröffnungsworte: "Der Zug ist in voller Fahrt, aber die Folgen dessen, was wir da machen, wo der Zug wirklich hinfährt, wissen wir bis heute nicht", beschäftigten sich rund 200 Teilnehmer und Referenten mit der ökonomischen, politischen, aber auch sozialen Bedeutung der neuen Medien- und Computertechnologien. Den künstlerischen Auftakt bot Laurie Andersen. Im Zwiegespräch der Amerikanerin mit ihrem elektronisch verfremdeten alter ego zerfloß die Grenze zwischen realer und phantasierter Welt, zwischen Mensch und seiner technischen Spiegelung. Doch trotzdem die Multimedia-Künstlerin mit einem Technikpark von 10 Computern, einigen Synthesizern und Audio-Videosystemen arbeitet, warnt sie ausdrücklich davor, die bestehende Medienlandschaft und ihre neuen Techniken unkritisch zu benutzen. Anstatt nur passiv rezipierbare Ablenkung zu bieten, sollen die Medien dem Menschen helfen seine Persönlichkeit und Kreativität zu entwickeln.
Eine Mensch-Maschine-Synthese der anderen Art präsentierte der Norweger Stahl Stenslie, der den Raum der uns schon bekannten aktustisch-visuellen Telekommunikation multisensorisch übersteigen möchte. Seine Show CYBER-SM demonstrierte dabei nicht nur das bisher Machbare, sondern auch daß er ein guter Marketingstratege ist. Das während der Vorführung noch zivilisiert erregte Publikum durfte am Ende derselben schon hemmungsloser auch intimere Bereiche der Cyber-Sklavin und ihres Herrn ertasten, was nicht ohne Schock abging, wenn auch bloß aus Schwachstrom. Immerhin: die im nordischen Norwegen weniger verklemmte Telekom hat erkannt, das er Grundlagenforschung leistet. Sie finanziert sein neues Projekt für ein massentaugliches multisensorisches Kommunikationssystem.
Laurie Andersen, die Stenslies Darbietung beiwohnte, kommentierte diese trocken mit einem Orakelspruch auf deutsch, mit dem auch jene angesprochen waren, die sich auf der Konferenz mit einem anderen heißen Thema beschäftigten, nämlich dem vor der Einführung ins Internet stehendem digitalen Bargeld und seiner Sicherheit: "Geld ist privat und emotional. Sex ist öffentlich und technologisch." Noch eindrucksvoller war allerdings das zweifelsohne dichteste Bild der gesamten Konferenz, das Andersen am Ende ihrer Vorstellung bot. Mit einer Minibox, einem Pillowspeaker in ihrem Mund, aus dem das Kabel hing wie die Angelschnur aus dem Maul des Fisches, war sie nur noch Resonanzkörper maschineller Töne, die sie allein durch verzweifelte Grimassen modulierte. Geburts- oder Todesschreie der vollständig angeketteten Kreatur?
Jedenfalls eine der vielen möglichen Realitäten, deren Maßstab verloren gegangen zu sein scheint, wenn man den Referenten der Diskussionsgruppe "Wieviel Cyberspace kann ein Mensch vertragen?" glaubt. Der Kommunikationtheoretiker Prof. Norbert Bolz etwa erklärt uns: "das, von dem wir glauben, es ist unser heiligstes Inneres, unsere Seele, ist längst draußen, technisch implementierbar, bewohnbar in einer Medienwelt." Das hört sich an wie ein Kommentar zu Laurie Andersens Vorstellung, ist aber vor allem marketingfähige Philosophie nach dem Motto: Was sein kann, soll auch sein. Damit kein Zweifel aufkommt, daß das gerade auch für Medien gilt, kleidet Bolz diese in ein evolutionäres Bild. Er spricht von einer "unwiderstehlichen Medienevolution": "Die Medien entfalten sich quasi naturgesetzlich, es gibt keine Option auszusteigen aus dieser Entwicklung." Die Verunsicherung darüber, ob solche Erklärungen das qualitative Neue der neuen Techniken und deren möglicherweise unkontrollierbaren und negativen Folgen nivillieren sollen, wurde nicht geringer, als auch der Psychotherapeut Prof. Fritz Simon eine verwandte Formel prägte: "Es gibt keine reale Realität." Dies ist ein wichtiger Berührungspunkt der wilden Medientheorie mit dem Radikalen Konstruktivismus. Für Bolz sind Medien ein Apriori unser Existenz. Neue Medien würden sich von den alten lediglich durch ihre Penetranz unterscheiden. Ein anderer Experte für Aprioritätsphilosophie hat Raum und Zeit für die Bedingung nicht unser Existenz, sondern unserer Erkenntnis gehalten. Kant jedoch wäre nie auf die Idee gekommen,die Wahrnehmung, die unser Gehirn durch die Synthese außenweltlicher Einflüsse synthetisiert und in diesem Sinne anders konstruiert als bei einem Affen, im gleichen Sinne als Konstruktion zu bezeichnen wie vielleicht ein politisch gefärbten Zeitungsartikel. Im ersten Fall handelt es sich um einen automatischen Prozeß, dessen Simulation selbst Supercomputer in absehbarer Zeit überfordert, und der durch die Einnahme von Drogen nur höchst unvorhersehbar beeinflußt werden kann. Im zweiten Fall handelt es sich um eine Konstruktion im eigentlich Sinne, denn ihr Träger ist nicht ein automatisch arbeitendes Gehirn oder Zentralnervensystem, sondern ein Mensch.
Gegen eine schleichende Nivellierung unseres Realitätsbegriffes, wie von der jüngeren Medientheorie und manchen Vertretern des Radikalen Konstruktivismus betrieben wird, wurde in Kassel ganz pragmatisch Einwand erhoben. Als verläßlichen Maßstab im Wirrwarr der sich medial multiplizierenden Realitäten begriff Dr. Wolfgang Adamczak von der Universität Kassel nicht nur die physische Welt, sondern auch den direkten zwischenmenschlichen Kontakt, ohne den es nicht gehe. Andernfalls hätte man die Millennium-Tage ja auch per Videokonferenz durchführen können. Weiter gab er zu bedenken, der Unterschied zwischen einem virtuellen und realen Bier sei doch erheblich. Das wurde von Matthias Horx bestätigt. Schließlich lasse sich virtuelles Bier auch schlechter als reales verkaufen. Aber immerhin - so der Trendfachmann -, erhöhe das Virtuelle den Durst nach dem Realen. Derart waren die Zugeständnisse an die auch vertretenen Skeptiker der Neuen Medien höchstens marketingtheoretischer Natur.
Kaum zu übersehen war, daß nicht die amerikanischen Referenten einen millenaristischen, sprich fröhlichen und technophilen Optimistismus predigten, sondern die marketingbeflissenen deutschen Kollegen. In der Diskussiongruppe "Wie verdient man Geld in den Netzen" durfte nicht nur die Kabel New Media GmbH, sondern auch Bertelsmann und die Deutsche Bank unter der Moderation der FOCUS Wirtschaftsredakteurin Eva Müller alles über Geld, Werbung und Dienstleistungen in der Computerwelt präsentieren. Unter den Amerikanern dagegen macht sich schon Ernüchterung, der Computer Backlash, breit. Ob Laurie Andersen, die sich darüber wundert, wie selbstverständlich die Deutschen anscheinend die Öffentlichkeit, Käuflichkeit und Technizität des Privatesten, was wir hatten, des Körpers, akzeptieren, oder Bill Henderson, der traditionsbewußte Präsident des Lead Pencil Clubs, dessen Motto lautet: "Not so fast!", das Lager der Skeptiker wächst. Der Technik-Kolumnist der Newsweek, Steven Levy, sieht gar eine E-money- und Sicherheitsapokalypse auf uns zu kommen. Ohne automatische Sicherheitsroutinen in unsere Informationssystemen, sei Datensicherheit nicht möglich, denn die Praxis zeige, daß die Sicherheit vernachlässigt werde, wenn sich die Nutzer aktiv um sie kümmern müssen. Einigkeit herrscht unter den Skeptikern darüber, daß der starke politische Einfluß, den das Internet bereits heute habe, noch wachsen werde. Minderheiten werden sich über nationalstaatliche Grenzen hinweg immer effizienter und schneller zu einer politischen Kraft formieren können. Und wenn erst der internationale Transfer von digitalem Bargeld, das bald eingeführt werden soll, zum Alltag gehöre, werde sich die Kontrolle über Geldmengen und Geldfluß erheblich erschweren, was eine Bedrohung der Zentralbanken und Regierungen bedeute. Daß nicht nur die amerikanische Regierung, vor allem im Zusammenhang mit dem rechten Terror und dem Problem des Handels mit Kinderpornographie im Internet, bestrebt ist, ein Monopol für Verschlüsselungtechniken zu erreichen, bemerkte der Informatiker Prof. Wolfgang Coy. Auch die EU arbeite auf Vorstoß Frankreichs hin an einer Richtlinie, die das Recht auf Datenverschlüsselung beschneidet. Eine öffentliche Diskussion darüber wird noch stattfinden müssen. In Kassel dominierte jedenfalls die Frage nach dem technisch Machbaren und Zumutbaren. Nach dem Wünschenswerten zu fragen, hat niemand mehr gewagt. Wohin auch immer, der Medienzug rollt genau auf uns zu.
© 1995 Dirk de Pol; © 1995 Die Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte
Artikel aus der NG / FH
Stichwort: Nanotechnologie Die Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte
Februar 1996DNS - Ein neuer Supercomputer?
Dirk de Pol
Die Computer-Wissenschaftler Ron Rivest, Adi Shamir und Leonard Adleman publizierten 1978 einen Aufsatz über die von ihnen entwickelte "Method for Obtaining Digital Signatures and Public-Key Cryptosystems", ein weltweit unter den Initialen der Gruppe "RSA" bekannt gewordenes Verfahren der digitalen Verschlüsselung von Informationen. Der immense Erfolg der Entwicklung war überraschend. Adleman, ein Experte für Nummern-Theorie, der schon vorher durch sein Programm "Life" bekannt geworden war, einer Simulation künstlichen Lebens, hatte nicht einmal von der Existenz der amerikanischen Nationalen-Sicherheits-Agentur (NSA) gewußt, als diese sich plötzlich meldete, kryptologische Verfahren als Waffe klassifizierte und deren Weitergabe als Waffenhandeln untersagen wollte. Aber es war zu spät, das Verfahren war schon außerhalb der USA bekannt geworden. 1982 gründete die Gruppe die Firma RSA Inc., um es kommerziell auszuwerten. Bis heute ist Adleman Teilhaber und Berater der Firma, deren Zukunft im Zeitalter des Information-Highways noch rosiger geworden ist. Doch dem 49-jährigen Mathematiker scheint noch einmal der große Wurf gelungen zu sein, und zwar mit der Erfindung des DNS-Computers ...Nachdem Adleman in den 80er Jahren bemerkte, daß die wissenschaftliche Forschung über AIDS immer mehr expandierte, begann er eigene Studien. Er entwickelte einen 1993 von Forschern der John Hopkins Universität bestätigten Ansatz, die natürliche Produktion der lebenswichtigen CD4-Zellen anzukurbeln, die von HIV getötet werden. Der Trick, auf den Adleman kam, ist folgender: wenn die verwandten CD8-Zellen, die auch bei AIDS-Infizierten ausreichend vorhanden sind, künstlich entfernt werden, produziert der Körper automatisch die durch AIDS dezimierten und daher dringend benötigten CD4-Zellen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. So schlicht bewies Adleman, daß auch für Newcomer Entdeckungen in der Biologie möglich sind. Doch es sollte noch besser kommen.
Als sich Adleman im Rahmen seiner AIDS-Studien in die Grundlagen der Genetik einarbeitete, fiel ihm auf, daß die Informationsverarbeitung in Organismen viele Gemeinsamkeiten mit der von Computern hat. Desoxyribonucleinsäure, besser bekannt unter der Abkürzung DNS, speichert Informationen in einem Vier-Buchstaben-Alphabet, das von Organismen so manipuliert wird wie Einsen und Nullen vom Computer. DNS ist ein natürlicher Bestandteil der Zellkerne. Sie enthält neben Zucker (Desoxyribose) und Phosphorsäure die vier Bausteine Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin (A, T, G, C). Die lineare Abfolge dieser vier Basen in einem sogenannten DNS-Strang enthält die genetischen Informationen. Wichtig ist, daß die vier Basen nicht nur Molekülstränge bilden, sondern daß sich diese durch Wasserstoffbrücken zu einem Doppelstrang verbinden: der von den Molekulargenetiker James Watson und Francis Crick entdeckten Doppelhelix. Dabei sind die beiden DNS-Stränge exakt komplementär zueinander, denn aufgrund stereochemischer Gesetzmäßigkeit verbindet sich Adenin nur mit Thymin und Guanin nur mit Cytosin. A ist von T und G von C das komplementäre Spiegelbild. Ein Stück der Doppelhelix hat also stets eine Zusammensetzung wie im folgenden Beispiel:
...CGATAGCTGGCTTAG...
...GCTATCGACCGAATC...
Nur so können sich die einzelnen Stränge zur gedrillten Doppelhelix verbinden. Die langkettigen Moleküle sind der stoffliche Träger der genetischen Informationen. Im DNS-Strang einer Bakterie folgen z.B. 25 Millionen dieser 4 Buchstaben aufeinander. Die Evolution hat die DNS als eine Art natürlichen Informationsspeicher hervorgebracht, dessen Funktion die Steuerung und Reproduktion von Leben ist. Adleman fragte sich nun, wie sich die Prozesse der Informationsverarbeitung in der DNS benutzen lassen, um gezielte Aufgaben zu lösen. Die Vorzüge eines solchen DNS-Computers hatte er dabei klar vor Augen. Er wäre nicht nur kleiner, billiger und ökologisch verträglicher, sondern auch - aufgrund millionenfacher paralleler, d.h. gleichzeitiger Prozesse - allen heutigen Computern um ein Vielfaches überlegen.
Wer die DNS als Informationsspeicher und Rechner einsetzen will, muß wissen, wie man bestimmte Sektoren lesen, ausschneiden und kopieren kann. Durch seine AIDS-Studien verfügte Adleman über das dafür notwendige gentechnologische Wissen. Für die Gentechnik ist es nicht schwierig, eine beliebige Buchstaben-Sequenz in einem DNS-Strang herzustellen. Das Problem war nun, wie sich eine Fragestellung in das Vier-Buchstaben-Alphabet der DNS übersetzen läßt und wie sich die biologischen und chemischen Prozesse in der DNS als dessen Berechnung benutzen lassen. Und: um welches Problem sollte es sich dabei handeln? Schließlich mußte nicht nur die Möglichkeit bewiesen werden, daß sich DNS als Computer einsetzen läßt, sondern auch daß dessen Leistung die aller bekannten Computer übertrifft.
Nach sechs Monaten hatte Adleman ein geeignetes Design für den ersten DNS-Computer und auch ein Problem gefunden, an dem selbst Supercomputer scheitern: das sogenannte Hamilton-Pfad Problem. Es läßt sich als das Problem eines Handlungsreisen beschreiben, der die kürzeste Reiseroute zwischen verschiedenen Städten sucht und dabei auf eine bestimmte Anzahl von Flugverbindungen eingeschränkt ist. Vereinfachen wir Adlemans Versuchsanordnung und nehmen wir an, die Städte sind Berlin, Düsseldorf, Frankfurt und Stuttgart. Und nehmen wir weiter an, daß Flugverbindungen zwischen Berlin-Frankfurt, Frankfurt-Stuttgart, Frankfurt-Düsseldorf, Düsseldorf-Stuttgart bestehen. Wenn die Reise in Berlin beginnen und in Stuttgart enden soll, was ist die kürzeste Verbindung, die im Idealfall aus nur drei Flügen besteht? Die Antwort ist leicht. Wir fliegen von Berlin nach Frankfurt, von Frankfurt nach Düsseldorf und von Düsseldorf nach Stuttgart. Verdreifacht man allerdings die Zahl der Städte und Verbindungen, dann sind selbst Supercomputer überfordert. Adleman ging im ersten Anlauf zunächst von 7 Städten und 14 Flugverbindungen aus. Mit Hilfe der Gentechnik stellte er für jeden Stadtnamen einen 20 Buchstaben langen DNS-Strang aus dem Vier-Buchstaben-Alphabet Adenin (A), Thymin (T), Guanin (G) und Cytosin (C) her. In unserem vereinfachten Beispiel sind sie bloß 6 Buchstaben lang. Aus Berlin wird etwa TAGCGA, aus Frankfurt GCTTAG, aus Stuttgart GTCCGG usw. Die Flugverbindungen erhalten dann Flugnummern, die aus den 3 letzten Buchstaben des Abflugortes und den 3 ersten des Ankunftsortes zusammengesetzt werden: Die Verbindung Berlin-Frankfurt (TAGCGA-GCTTAG) erhält so die Flugnummer CGA-GCT, die zwischen Frankfurt und Stuttgart (GCTTAG-GTCCGG) die Flugnummer TAG-GTC. Setzt man nun die die Flugnummern dieser Verbindungen hintereinander (CGA-GCT+TAG-GTC), so taucht in Mitte der Name für Frankfurt auf, wie das folgende Schema zeigt:
Städte: Berlin-Frankfurt Frankfurt-Stuttgart
DNS-
Namen: TAGCGA-GCTTAG GCTTAG-GTCCGG
DNS-
Flugnummern: CGA GCT TAG GTC
DNS-Name
Frankfurt: GCT TAG
Reiht man also die DNS-Flugnummern aneinander, so bilden sich die Namen der Städte, die auf der Reiseroute liegen. Aber wie läßt sich diese Reihung von Flugnummern mit Hilfe von DNS automatisieren und wie soll sich aus den Ergebnissen eine Antwort auf die Frage nach der kürzesten Reiseroute ergeben?
Adlemans DNS-Computer macht sich zunutze, daß sich DNS-Stränge zu einer Doppelhelix verbinden, wenn sie sich komplementär zueinander verhalten. Deswegen hat er für alle Städte und Flüge auch die komplementären Namen und Flugnummern synthetisiert. Jeder DNS-Strang hat ja in der Doppelhelix einen komplementären Strang, indem A für T, G für C steht und umgekehrt. Der komplementäre Name für Frankfurt (GCTTAG) ist z.B. CGAATC. Genau hier liegt nun das ganze Geheimnis des DNS-Computers. Schmeißt man nämlich alle DNS-Stränge und ihre komplementären Gegenstücke in einen Topf, so fügen sich die zueinander passenden Stränge zu langen Doppelmolekülen zusammen und bilden so sämtliche Ketten aller möglichen Flugkombinationen. Wie das folgende Schema zeigt, kombiniert sich der DNS-Strang für den Flug Berlin-Frankfurt (Flugnummer: CGA-GCT) mit dem für den Flug Frankfurt-Stuttgart (Flugnummer: TAG-GTC), wenn sie auf den Strang des komplementären Namens für Frankfurt (CGAATC) treffen.
Städte: Berlin-Frankfurt Frankfurt-Stuttgart
DNS-
Flugnummern: CGA GCT TAG GTC
komplementärer
Name für Frankfurt: CGA ATC
Adleman hat in seinem Versuch mit 7 Städten und 14 möglichen Verbindungen gearbeitet. Von jedem dieser insgesamt 21 DNS-Stränge, aber auch von ihren komplementären Gegenstücken hat er je 30 Billionen Kopien synthetisiert und sie in eine wässrige Lösung gegeben. Übertragen auf unser Beispiel wäre die Antwort nun in einer Kette enthalten, die mit der Sequenz CGA anfängt, dem Beginn einer Flugverbindung, die in Berlin startet, und mit GTC endet, was die Sequenz für einen Flug ist, der in Stuttgart endet. Doch welche der sich bildenden Doppelhelix-Ketten ist die richtige, d.h. steht für die kürzeste Reiseroute? Und wie läßt sie sich im Gewimmel der millionen Ketten finden? Adleman ging davon aus, daß die Antwort nicht kürzer als 6 und nicht länger als 8 oder 9 aneinandergereihte Flugnummern sein konnte. Gentechnisch sortierte er deshalb alle Ketten aus, die zu lang oder zu kurz waren, oder den falschen Anfangs- oder Zielort hatten. Nach einer Woche hatte er dann die Antwort. Das mag lang erscheinen, doch der DNS-Computer ist bei der Berechnung dieses Problems nicht nur hundertmal schneller als ein Supercomputer, sondern verbraucht auch nur ein Millionstel von dessen Energie und hat eine millionfach höhere Speicherdichte.
Aber so eindrucksvoll die Leistung von Adlemans ersten DNS-Computer auch sein mag, die Ermittlung der Antworten auf Probleme wie das des Hamilton-Pfades erfordert noch eine erhebliche Automatisierung. Und so gab es neben enthusiastischen Stimmen auch kritische, als Adleman die Ergebnisse seiner Arbeit veröffentlichte. Würde es gelingen, mit dem DNS-Computer mehr als nur kombinatorische Probleme zu lösen? Und würde es möglich sein, die Eingabe von Aufgaben so zu vereinfachen, daß sich die neue Technologie so universell einsetzen läßt wie ein herkömmlicher PC?
Der mit Adleman befreundete Computer-Wissenschaftler Richard Lipton erkannte die nächsten Schritte des DNS-Computers zum Universalcomputer. Neben einigen neuen Techniken, Antworten aus der DNS-Suppe herauszufischen, entwickelte er ein Kodierungsverfahren, daß das 4-Buchstaben-Alphabet der DNS in Nullen und Einsen übersetzt. Dadurch wurde es möglich, die Suppe mit symbolischer Logik zu würzen, die Ja-Nein-Entscheidungen erlaubt. Damit ist der DNS-Computer annähern so universell programmierbar wie moderne Computer. Nach Lipton würde ein DNS-Computer mit Billionen parallel arbeitender Prozessoren nicht mehr als $ 100.000 kosten. Auf einer von ihm im April 1995 abgehaltenen Konferenz in Princeton überschlugen sich Wissenschaftler verschiedener Bereiche. Sie sehen mit dem DNS-Computer Durchbrüche in der Quantenmechanik, dem Design von Medikamenten oder auch in der Entschlüsselung der menschlichen Gene bevorstehen. Zwei Studenten von Lipton hingegen stellten ganz pragmatisch in Aussicht, innerhalb von einigen Monaten das bislang als absolut sicher geltende amerikanische Verfahren der digitalen Datenverschlüsselung, den "Data Encryption Standard", knacken zu können. Sollte dies tatsächlich gelingen, wird der Run auf die molekulare Informationsverarbeitung erst richtig losgehen. Denn dann sind handfeste Anwendungen nicht nur in der Nachrichtentechnik, sondern auch in den Nachrichtendiensten greifbar. Doch auch schon ohne solche spektakulären Erfolge überschlagen sich die Visionen des Machbaren. Adleman sieht ganz neue Arten von Computern auf uns zukommen: organische, chemische, katalytische usw. Das mag wie Science Fiction klingen, die ja tatsächlich schon von gentechnisch hergestellten, lebenden Waffen erzählt, doch dieses Genre sollte man nicht unterschätzen. Schließlich war es Stanislaw Lem der schon 1972 in seinem Erzählband Nacht und Schimmel die Idee des DNS-Computers vorwegnahm. Dort allerdings entwickelt dieser Selbstbewußtsein und interessiert sich schon nach wenigen Minuten nicht mehr für die Probleme der minderbemittelten Gattung Mensch ...
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Die Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte
Artikel von Dirk de Pol in Frankfurter Rundschau N.G. / F.H. Der Tagesspiegel taz - die tageszeitung telepolis Die Zeit Philosophisches Jahrbuch
vr1 SEO Suchmaschinen-Optimierung Service SEM, SEO SEO Referenzen Online-Marketing