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Artikel aus dem Tagesspiegel

 

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Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Transhumanismus

Der Tagesspiegel
Interaktiv
9. Juni 1996

Das Recht auf Perfektionierung

Dirk de Pol

Für den bekannten Science-Fiction-Autor Douglas Adams besteht überhaupt kein Zweifel: die Erde wurde von den Mäusen bei intergalaktischen Planetenkonstrukteuren in Auftrag gegeben. Und der menschlichen Intelligenz haben sie in langwierigen und perfide getarnten Laborversuchen auf die Sprünge geholfen.

So war es nur eine Frage der Zeit bis der unterentwickelte Mensch erkannte, daß er ein Mängelwesen ist und als solches ein Recht auf Perfektionierung hat. Geben wir es ruhig zu: was wären wir heute noch ohne die Erweiterung unserer Sinne durch die Kommunikations- und Informationstechnik? Und was würde aus unserem Anspruch auf Glück und unserer Sehnsucht nach Unsterblichkeit ohne das vielfältige, tote Werkzeug, das wir früher oder später selbstverständlich wie ein Organ in uns tragen?

Wunder haben ausgedient. Neurochips, die Taube hörend und Blinde sehend machen, sind in Arbeit. Und nicht mehr lange wird es dauern bis wir unser Gehirn, den Wachstumsphasen angepaßt, mit stimulierenden Substanzen dopen, um es im fortgeschrittenen Alter Stück für Stück durch kleine Chips zu ersetzen (für irgendetwas wird die gerade grassierende Gehirnforschung ja letztlich gut sein). Zumindest als Geist sind wir dann ewig und werden Teil eines kollektiven digitalen Weltgeistes, der sich durch seine Mitteilungen aufbläht. Ob dabei bloß eine gigantische Seifenblase des Zeitgeistes oder eine für den Normalsterblichen bedrohliche Metastase der Intelligenz entsteht, dürfen wir gespannt abwarten.

Damit wir solchen Anforderungen der Mensch-Maschine-Kommunikation gewachsen sind und uns nicht länger schämen müssen, bloß geboren und nicht gemacht zu sein, haben wir begonnen, uns mit der Gentechnik ganz neu zu "in-formieren". Mit der mächtigen Programmiersprache DNS suchen wir Antworten auf die bedrohlichen Steigerungen menschlicher und maschineller Intelligenz. Vielleicht gelingt es ja wirklich, ein Lebewesen zu designen, das sich, während es lebt, unmittelbar reprogrammieren kann: den Universal-Organismus, der jede von uns geschaffene Lebensbedingung, aber vor allem jede Universal-Maschine meistert. Denn deren prinzipiell unendlich perfektionierbare Intelligenz könnte uns zu menschlichen Haustieren degradieren. Auch ihr fleißiger Helfer ist eine Maus.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Simulation und Realität

Der Tagesspiegel
Interaktiv
16. Juni 1996

Sein und Schein

Dirk de Pol

Blicken wir durch die Simulationen und Oberflächen, über die wir mit unseren Mäusen huschen, noch durch? Oder können wir im Computerzeitalter nicht mehr zwischen Sein und Schein unterscheiden? Um uns diese verständliche Angst zu nehmen, versucht man die Neuheit der digitalen Medien zu relativieren. Eine beliebte Argumentation lautet: Licht, Luft, Wasser und Erde, genau wie Geld und Kreditkarten, seien doch auch Medien, die wir schon lange und problemlos nutzen. Und kann nicht genauso der Mensch als Medium und sein Gehirn als Empfangsgerät begriffen werden? Wozu also die ganze Aufregung um die sogenannten neuen Medien? Denn wird nicht auch die Frage, wie Medien die Realität verzerren, hinfällig, wenn all unser Wahrnehmen und Handeln in diesem Sinne stets medial vermittelt ist? Die Antwort lautet: Nein! Natürlich ist richtig, daß unser Gehirn Wahrnehmungen erst aus den Impulsen und Reizen der Außenwelt zusammensetzt, und zwar durch eine automatische Selektion und Interpretation. Die Wirklichkeit "als solche" kann nämlich kein Medium, auch nicht das Gehirn, abbilden. Doch damit ist der sachliche, politisch wie sozial bedeutsame Unterschied zu den keinesfalls automatischen Bildern, Texten und Tönen der Fernsehgeräte und Computer nicht aufgehoben.

Diese Medien sind nicht nur einfach aufdringlicher, sondern sie bieten - genau wie auch die Printmedien - Konstruktionen der Wirklichkeit, die stark interessengeleitet, das heißt ideologisch sein können. Das jedoch läßt sich von den automatischen Wahrnehmungskonstruktionen unseres Gehirns nicht behaupten. Sein Zugang zur physischen Welt ist einmalig und bleibt auf absehbare Zeit verläßlicher Maßstab im Wirrwarr der sich medial multiplizierenden Realitäten. Überhaupt könnten wir erst dann nicht mehr zwischen Sein und Schein unterscheiden, wenn eine Technologie entwickelt würde, die Wahrnehmungen und Empfindungen der Außenwelt, jedoch auch der Innenwelt perfekt simuliert. Erst damit ließe sich unser Unterscheidungsvermögen für reale und imaginierte Räume und Zeiten nachhaltig täuschen. Sollte aber je ein so atemberaubender Stand der Technik erreicht werden, dann - so darf man weiter träumen -, dürfte mit ihm eigentlich auch kein Grund mehr bestehen, über die reale Welt - wie kunstvoll auch immer - hinweg zu täuschen.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Mediennutzung

Der Tagesspiegel
Interaktiv
23. Juni 1996

Vorsicht Interaktion

Dirk de Pol

Als eine "Wechselbeziehung zwischen Personen und Gruppen" definiert der Duden den Begriff Interaktion. Aber Achtung! Interaktion ist gefährlich! Denn das Gelingen der zwischenmenschlichen Kommunikation - so lautet eine Einsicht der Soziologie - wird immer unwahrscheinlicher. Deswegen belasten sich ökonomische und technische Systeme kaum noch mit ihr. An der Börse genau wie im Flugzeug oder Atomkraftwerk regiert schon lange der Computer. Der unberechenbare Mensch gilt als Störfaktor, der angesichts fast perfekter Technik immer mehr für die Restrisiken verantwortlich gemacht wird. Und natürlich produzieren vor allem wir die chaotischen Bedingungen, in die die unschuldigen Maschinen Sicherheit und Ordnung bringen sollen. Das tun sie scheinbar so gut, daß wir - statt bloß mit Menschen - mittlerweile auch ganz selbstverständlich mit Maschinen in Interaktion treten. Schon mit Audio-Video-Geräten kann man sich bekanntlich bestens unterhalten, denn bereits sie sind widerspruchslose Wunschmaschinen, die beliebige Inhalte und Emotionen abrufbar machen. Das gilt erst Recht für die digitalen Medien mit ihren wunderbaren Spielen, Simulationen und Virtuellen Realitäten. Anonym klatschen, sich austauschen oder beschimpfen, oder aber fahren wie ein Wilder, warum nicht auch morden, oder vielleicht lieber Bürgermeister einer Stadt oder gleich Herrscher einer zu kolonisierenden Welt sein: Anything goes in Cyberspace.

Die digitale Welt bietet einfach mehr und stärkere Emotionen als die reale, weil in ihr hemmungsloser und scheinbar risiko- und folgenlos agiert werden kann. Doch desorientiert und manipuliert sie uns dabei nicht? Und bietet sie nicht bloß kläglichen Ersatz für zwischenmenschliche Kommunikation? In jedem Fall verbraucht sie unsere Energie und die immer knapper werdende Ressource "Aufmerksamkeit". Auch der Konsum der neuen Medien will eben gelernt sein. Sicher, genau wie konventionelle Drogen, Einkaufen, Sex oder Extremsport kann auch das Leben in virtuellen Welten süchtig machen. Aber trösten wir uns! So technisch präzise und beliebig programmier- und nutzbar wie die Droge Cyberspace war noch keine andere. Mit diesem ultimativen Sedativum muß der Weg zur Weltgesellschaft nicht einmal vor die eigene Tür führen.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Affective computing

Der Tagesspiegel
Interaktiv
30. Juni 1996

Emotionale Schnittstelle

Dirk de Pol

Was könnte uns weniger überraschen als ein Text, den wir nicht verstehen? Haben uns doch die großen Werke der modernen Literatur gelehrt, daß sie unverständlich und fremd erscheinen müssen, denn so ist er nun einmal: der Zustand unserer Welt. Aber alles hat seinen Ort. Wer ist zum Beispiel schon bereit, die überquellende Funktionsvielfalt elektronischer Geräte oder die dunklen Wortfolgen ihrer Bedienungsanleitungen als Symbol der Undurchschaubarkeit der technischen Welt zu würdigen? Oder wer hat schon die Zeit, Software-Handbücher zu deuten, die nicht selten den Umfang der Bibel übertreffen und zu allem Überfluß jährlich in neuen Versionen erscheinen?

So erscheint die Technik heute als Wunder. Ihre Komplexität ist zu einem Schreckgespenst geworden. Fast niemand glaubt mehr, sie verstehen oder beherrschen zu können. "Reduzieren und Vereinfachen!" lautet daher das Motto. Knöpfe und Oberflächen verbergen gnädig den bedrohlichen Abgrund komplexer Technik. Das Interface-Design mußte so zur eigenen Wissenschaft werden. Gegenwärtig bereitet sie die langsame Entwöhnung von unserer liebgewonnenen Maus vor. Denn das effektive Interface der Zukunft soll affektiv sein.

Unter dem neuen Stichwort "Affective Computing" wird ein Personal Computer in Aussicht gestellt, der dank einer nun bald auch "emotionalen" Intelligenz wirklich persönlich ist. Man darf sich darunter ein Biofeedback-System vorstellen wie es etwa schon als Hilfsmittel in der Therapie für Epileptiker Einsatz findet. Ein solches System registiert anhand von Gehirnströmen, Hautspannung und Pulsfrequenzen einen nahenden Anfall und hilft, ihn durch Konzentrationsübungen abzuwenden. Ein vergleichbares, körpernah getragenes Interface wird nicht lange brauchen, um den Massenmarkt zu erobern. Nach einer gewissen Trainingsphase kann es sinkende Aufmerksamkeit oder Streßsymptome erkennen. Ob in Anwendungs-, Unterrichtssoftware oder Spielen - Benutzerführung und Aufgaben können damit unbemerkt den Leistungen entsprechend angepaßt werden. Versüßt von individuellem Lob und Tadel fürsorglicher Computer wird die Arbeit, das Lernen, und das heißt auch die Erziehung der Zukunft, zum Kinderspiel. Ein weiterer Schritt zur immer schöneren, immer neueren Welt.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Medienreligion

Der Tagesspiegel
Interaktiv
7. Juli 1996

Göttliche Technik, teuflischer Trick

Dirk de Pol

Bei jeder Gelegenheit spinnt sich der Mythos fort, mit den neuen Medien würden wir zu Göttern in einem Paradies auf Erden. So ist etwa die elegante Formel zu hören, es gehe nicht mehr um religiöse Kommunikation, sondern um Kommunikation als Religion. Das Internet sei die technische Implementierung dieser neuen Religion und zugleich die ultimative (Er)-Lösung. Das lateinische "religio" bedeute schließlich nicht nur Kult und Gottesdienst, sondern auch "Verbindung". Wahrlich, wo wäre sie segensreicher als im World-Wide-Web, in dem jeder seiner persönlichen Version von Glaube, Liebe und Hoffnung anonym und in der Regel ungestraft nachgehen kann? Doch das Schicksal, das der Mythos der Medien über uns verhängt, hält noch andere Herausforderungen bereit. Im Cyberspace, so heißt es, werden Mensch und Welt eins, denn er ermöglicht den totalen Durchblick von innen und von allen Seiten - so als wären wir Gott. Aber den neuen Medien dichtet man Allwissenheit und Allgegenwart vor allem deshalb an, weil sich der Mensch seit Urzeiten einbildet, die Attribute der Technik durch ihre Nutzung auf sich übertragen zu können. Aber machen wir uns nichts vor. Der zugkräftige Mythos, die neuen Medien seien und machten uns göttlich, kam erst auf, nachdem die Hoffnungen verblaßten, sie würden mehr Arbeit schaffen, die Umwelt schonen und sogar die Gesellschaft demokratisieren.

Daß jedoch die neue Medienreligion bei all dem die Rolle des Bösen unterbelichtet, ist nicht verwunderlich. Denn das Böse, das sie verdrängt, sind die Medien gewissermaßen selbst. Was wäre naheliegender als im World-Wide-Web oder den Techniken der Telepräsenz und der virtuellen Realität zeitgemäße Formen der Siebenmeilen-Stiefel zu erkennen? Sie versprechen, was wir uns von jedem Teufelspakt erhoffen: Raum und Zeit dem eigenen Erleben zu unterwerfen. Die neuen Medien kommen dem Verlangen nach Macht und Kontrolle entgegen und bieten sowohl den global playern als auch den Konsumenten ihrer Dienstleistungen und Produkte bislang unbekannte Möglichkeiten. Wer sie aber vergöttlichen will, versucht im Grunde nichts anderes, als Kräfte, die ehemals als satanisch galten, salonfähig zu machen. Diese Kräfte werden immer stärker und bis zur Unkenntlichkeit anonym. Der Teufel steckt nicht länger nur in uns, sondern auch in den unüberschaubaren Details der sich verselbständigenden Technologien. Doch selbst wenn sie allmächtig und omnipräsent erscheinen, göttlich werden sie angesichts ihres Mißbrauchs nie werden können.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Apokalypse der Medien

Der Tagesspiegel
Interaktiv
14. Juli 1996

Mensch ohne Eigenschaften

Dirk de Pol

Wenn man einen Behälter mit weißen und schwarzen Kugeln willkürlich schüttelt, ist die Wahrscheinlichkeit, daß alle weißen Kugeln oben und alle schwarzen unten sind, verschwindend gering. Wahrscheinlicher ist der Zustand ihrer völligen Unordnung. Den französischen Soziologen und Medientheoretiker Jean Baudrillard hat diese Tatsache stark beeindruckt. In Analogie zu einem solchen physikalischen System begreift er die Informationsgesellschaft. Wie das Schütteln die Kugeln bringe die totale Information alle Kennzeichen und Unterschiede der Gesellschaften und ihrer Individuen durcheinander. Durch diese Gleichverteilung, meint Baudrillard, heben sich die verschiedenen Eigenschaften auf. Er rechnet deshalb mit einem Schwinden kultureller und ethnischer Vielfalt. Aber das führe unweigerlich zu einem Verlust der Identität und Selbsthaß. Baudrillard zufolge kanalisiert er sich bald als Fremdenhaß. Er richte sich solange gegen die Reste des Fremden bis, wie bei einem physikalischen System, die "kritische Masse" der Informationsgesellschaft erreicht sei. In einem "Urknall der Information" soll sie ihr Ende finden. Ob das der Beginn einer neuen Welt ist, läßt Baudrillard offen. Offen bleibt allerdings nicht, daß er seine Gewißheit nur mit Hilfe physikalischer Metaphern erlangt, die eine unaufhaltsame Entwicklung der Informationsgesellschaft suggerieren. Tatsächlich ist sie - genau wie jeder historische Prozeß -, weder vorhersehbar noch kontrollierbar. Doch natürlich wird sie beeinflußt durch das Zusammenspiel aller Handlungen, Stellungnahmen und Unterlassungen. Baudrillards apokalyptische Prognose ist selbst nur einer der vielen Versuche, der Informationsgesellschaft eine bestimmte Richtung zu geben. Da sie uns mit Untergang bedrohe, will er ihren höchstpersönlich beschleunigen. Dazu dient seine These einer völligen Deformation durch die totale Information. Sie soll unsere latente Angst vor der Informationsgesellschaft in Haß verwandeln. Ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, daß solche Strategien nicht aufgehen?

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Architektur und Medien

Der Tagesspiegel
Interaktiv
21. Juni 1996

Cybercities

Dirk de Pol

Die Architektur der großen Städte war stets verläßlicher Schlüssel der Zeit. Wie so häufig gibt Amerika auch hier den Takt vor. Privatarmeen bewachen die verspiegelten Hochhäuser und die Villengegenden. Bewaffnete Bürgerwehren und Gangs schützen nicht weniger vehement ihre Viertel. Und Einkaufszentren sind überhaupt erst komplett, wenn sie ein Turm in ihrer Mitte ziert, wie er aus Gefängnissen bekannt ist. Die dort stationierte Polizei wird von den Überwachungskameras schon dann alarmiert, wenn ihre "fuzzy logic" Turnschuhe und damit potentielle Störenfriede erkennt. Angesichts solcher Verhältnisse ist es nur eine Frage der Zeit bis sich eine Schutzeinrichtung über die Großstädte verbreitet, die auf den hektischen Flughäfen Amerikas schon im Einsatz ist. Ohne die dort angebotenen abschließbaren Metallcontainer mit Bett, TV und Fax wird bald niemand mehr unsichere Stadtarreale betreten wollen. Diese Zellen geschützter Privatheit gewähren Erholung vom städtischen Streß und Gefahren und bieten Gelegenheit für so manches Geschäft. Cocooning - der Rückzug von der immer bedrohlicher werdenden Welt liegt im Trend. Das künftige Haus wird sich jedoch nicht nur zu einem Hochsicherheitstrakt entwickeln, sondern auch zu einem überdimensionierten Multimedia-System. Die Innenseiten dieses Gehäuses werden aus Sensoren, Boxen, Leinwänden und Duftquellen bestehen. Es erkennt verläßlich, wie sich seine Bewohner fühlen und befriedigt ihre Bedürfnisse fast unmittelbar. Je nach Stimmung legt uns dieses Traum-Haus die Welt als mediales Dorf in sicherer Distanz zu Füßen, oder verabreicht sie in stimulierenden Portionen. Aber gleichgültig wie perfekt der Luxus auch sein wird: je mehr wir uns von der Welt da draußen zurückziehen, desto schmerzhafter werden die unvermeidbaren Besuche in ihr.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Umweltverträglichkeit der Informationstechnik

Der Tagesspiegel
Interaktiv
8. September 1996

Grüne Computer

Dirk de Pol

Was ständig wechselnde Hardware, Betriebssysteme und Anwendungssoftware den Mediengiganten einbringen, dürften sie der Volkswirtschaft kosten. Nicht allein die Anschaffung, auch die Kosten für Umstellungen und Schulungen, genau wie die für eine sachgemäße Entsorgung schlagen voll zu Buche. Immerhin liegen nun mit den neuen Prüfsiegeln TCO 95 und dem ECO-Kreis des TÜV strengere Richtlinien für die Umweltverträglichkeit der Informationstechnik vor. Das ist auch bitter nötig. Keine andere Branche verdoppelt jährlich Leistung und Kapazität ihrer Produkte, was uns einen kontinuierlich wachsenden Berg von Elektronikschrott einbringt. Dessen sachgemäße Entsorgung fällt von Land zu Land unterschiedlich und mancherorts auch vollständig aus. Die Elektronikschrott-Verordnung, die Hersteller zur Entsorgung und Kostenübernahme verpflichten soll, hat hier noch keine Abhilfe geschaffen: sie wird nämlich mit schöner Regelmäßigkeit verschoben.

Aber nicht erst als Schrotthaufen wird der Computer zum Problem. Sein jährlicher Stromverbrauch läßt sich zwar bei entsprechender Technik von 80 auf 40 Kilowattstunden reduzieren. Bei einer Lebenserwartung von vier Jahren fällt diese Ersparnis jedoch kaum ins Gewicht, wenn man sie mit den 5000 Kilowattstunden vergleicht, die die Produktion erfordert. Und daß dabei durchschnittlich 300 Kilo Abfall und 30.000 Liter Abwasser anfallen, darf man auch nicht vergessen.

Umweltverträglich ist die Computertechnik also nur in dem Maße, in dem sie sich erneuern läßt. Der BUND, der jährlich eine Umwelt-Computer-Liste herausgibt, stellt ganz zu Recht die Forderung nach einem Wagen-Garage-Prinzip. Wenn wir uns schon dem Diktat des vermeintlich Schnelleren und Besseren oder doch zumindest des Neuen unterwerfen, dann sollte sich die Innovation auf hochintegrierte Komponenten beschränken, die einfach ausgetauscht werden. Warum müssen wir uns mit jeder neuen Prozessorgeneration von der Hauptplatine, dem Netzteil oder dem Gehäuse trennen?

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Logistik und Rationalisierung

Der Tagesspiegel
Interaktiv
15. September 1996

Medien der Macht

Dirk de Pol

Schon in Franz Kafkas Romanen läßt sich das Verhältnis von Macht und Medien ablesen. Im Schloß ist es noch die steile Hierachie einer kaiserlichen Bürokratie, an der ein Landvermesser kläglich scheitert. Unzuverlässige Boten sorgen dafür, daß die Kommunikation zwischen dem Untertan und seinem Souverän nicht zustande kommt. Der Prozeß hingegen führt die schon vielköpfige Verwaltung der Moderne mit ihren labyrinthischen Korridoren vor. Die Medien dienen ihrer weitreichenden Macht. Sie überbrücken den Raum, halten aber zugleich die Verwalteten auf Distanz. Stets haben sich mit den neuen Techniken der Kommunikation auch Strategien entwickelt, sie zu verhindern. Zu dem Telefon und den Sekretären von einst sind der Anrufbeantworter, werbende Warteschleifen und die Voice-Mail hinzugekommen. Sie alle schützen vor zeitraubenden Fragen.

Die moderne Bürokratie, deren Macht schon bei Kafka mythisch erscheint, wäre also ohne Informationstechnik unmöglich. Doch diese verändert auch die Bürokratie nachhaltig. In Paris zum Beispiel hat sich die Unternehmensberatungsfirma Andersen Consulting von dem Datenverkehr in Netzwerken und der chaotischen Lagerhaltung inspirieren lassen. Sie schickt ihre 1150 Mitarbeiter in virtuelle Büros. Ob Sachbearbeiter oder Topmanager, der Zentralrechner weist den mit Notebook Gerüsteten je nach Anlaß Einzel- oder Gemeinschaftsräume zu, belegt die Telefone mit persönlichen Nummern, erinnert an Termine und sorgt dafür, daß die richtigen Aktenschränke rechtzeitig an Ort und Stelle sind. Ergebnis dieser Reorganisation des Büroverkehrs: nur noch die Hälfte der ehemaligen Bürofläche wird benötigt. Und Mitarbeiter, die sich vorher nur flüchtig kannten, lassen sich bei Bedarf gezielt zusammen setzen. Daß sie in ihrer Firma ein kleines, eigenes Territorium brauchen, ist die Romantik von gestern. Auch sie fällt der Rationalisierung zum Opfer. Doch Grund zur Schadenfreude gibt es nicht: Mit dem Siegeszug der Medientechnik wird die Macht der modernen Bürokratie nur noch mythischer.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Medientheorie als Leitwissenschaft

Der Tagesspiegel
Interaktiv
22. September 1996

Medienevolution

Dirk de Pol

Eine Lehre des Golfkrieges lautet: nicht mehr vom Menschen, sondern von den Medien wird Geschichte gemacht. Offensichtlich sind Medien zum globalen Schlüsselsystem geworden, das alle Prozesse in der Welt steuert. Mit eingängigen Erklärungen dieser Art konnte die Medientheorie zu einer neuen Leitwissenschaft avancieren. Ihr Erfolgsgeheimnis liegt unter anderem darin begründet, daß sie genauso flexibel und anpassungsfähig ist wie die Medien selbst. Denn Medien - so lautet eine andere suggestive Formel - gehorchen nicht mehr einer Kapital- oder Techno-Logik, sondern sie vollziehen eine gleichsam naturhafte Evolution. Soviel ist tatsächlich gewiß: Technikgeschichte ist stets auch ein Stück Gesellschaftsgeschichte. Doch wer sie als Evolution begreift, stilisiert sie zur Naturgeschichte.

Wozu das gut ist, läßt sich leicht erraten. Die Medien genau wie ihre Theorie werden damit ganz einfach immun gegen alle nur erdenklichen Einwände. Denn einer naturgesetzlicher Medienevolution kann man schließlich nicht entkommen. Daß sie auch Fehlentwicklungen und reinigende Katastrophen umfaßt, ist dann wortwörtlich nur natürlich. Die Anpassungsfähigsten werden überleben. Genau besehen - so will man uns überreden - war die Evolution schon immer eine Medienevolution: schließlich ist einfach alles ein Medium oder zumindest doch medial vermittelt. Vom Genetischen bis zum Kulturellen: Fortschritt besteht im Grunde nur darin, daß die Codes und Botschaften komplexer und flexibler werden.

Daß die technischen Medien gegenwärtig die natürlichen aufsaugen (uns eingeschlossen), sollen wir dabei nur gelassen zur Kenntnis nehmen. Motto: Widerstand ist zwecklos! Schon lange sind die Medien wie ein vampiristischer Parasit über jede Nische hinaus gewachsen. Wir müssen unsererseits lernen, als Parasit in ihrem weltweiten Geflecht zu leben.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Innovation als Problem und Lösung

Der Tagesspiegel
Interaktiv
29. September 1996

Zukunftsinvestitionen

Dirk de Pol

An der Börse interessiert nicht die aktuelle Lage einer Firma, sondern welche Zukunft ihr vorausgesagt wird. Paradebeispiel hierfür ist die rasante Entwicklung einiger Aktien aus dem Softwarebereich. Weniger ein status quo sondern phantasievolle Prognosen bestimmen das Handeln, sofern sie etwas Neues und Erfolgreiches in Aussicht stellen. Nach einem ähnlichen Muster werden auch Entscheidungen über die Einführung neuer Computertechnik getroffen. Sie sind stets ein Stück weit irrational. Schließlich liegen Untersuchungen über den Nutzen neuer Hard- und Software in der Regel erst vor, wenn sie überholt sind.

Entscheidend sind also vor allem die Erwartungen, die das Marketing der neuen Medien weckt. Ihr Erfolgsgeheimnis besteht allerdings darin, alte Strukturen aufzubrechen und sich bei ihrer Reorganisation unentbehrlich zu machen. "Der Speer, der die Wunde schlägt, muß sie auch schließen!", lautet ihr Motto. Sie bieten Lösungen für Probleme, die erst von ihnen geschaffen wurden.

So steht uns mit den Computernetzen die Globalisierung der ökonomischen, aber auch sozialen und politischen Gefüge ins Haus. Diese Herausforderungen bewältigen - so scheint es -, können wir nur mit Hilfe der Medientechnik. Höchstens noch im privaten Bereich mag man der Devise folgen "Never change a running system", d.h. liebgewonnener Technik die Treue halten. Unternehmen aber stehen unter dem Zwang, sich der Entwicklung anzupassen. Sie müssen die neuen Errungenschaften möglichst effizient einsetzen. Die Not permanenter Restrukturierung verwandeln sie im Idealfall in die fragwürdige Tugend stetiger Produktinnovation. Denn auf dem Markt hat ja nur eine Chance, was neu ist oder erscheint. Der bekannte Slogan "Where do you want to go today?" ist insofern die richtige, wenn auch bloß eine rein rhetorische Frage. Denn die Antwort lautet tatsächlich - darauf spekulieren die Mediengiganten zu Recht -: "Ins Unbekannte."

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Einheitskultur

Der Tagesspiegel
Interaktiv
24. November 1996

One world

Dirk de Pol

Ob in der Benetton- oder Telekom-Werbung: Allgegenwärtig ist der Mythos der "one world", in der alle Menschen trotz ihrer regionalen und ethnischen Unterschiede friedvoll miteinanderleben. Die schöne neue Welt der Netze soll dazu einen Beitrag leisten. Durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten - so lautet das Versprechen - verschwinden mit den Mißverständnissen auch die kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Geschichte zeigt allerdings unmißverständlich, daß Krieg weniger mit schlechter Verständigung, sondern vor allem mit den Interessen von Emporkömmlingen und Machthabern zu tun hat, die keine Skrupel haben, Ressourcen und Leben ihres Landes für ihre Zwecke einzusetzen.

Mit dem Internet und dem World-Wide-Web sind solche Ambitionen keineswegs verschwunden. Im Gegenteil: von rechtsextremen Milizen, den Scientologen bishin zu den Mediengiganten versuchen verschiedenste Gruppierungen in ihm ihre claims abzustecken. Doch bislang beherrscht noch niemand die Netzwelt. Noch ist sie heterogen und wird es hoffentlich auch bleiben. Schließlich lautet ihr Zweck Verbindung, nicht Macht.

Daß das so bleibt, dafür sorgt schon die dezentrale Struktur des Internet, die wirksame Kontrollen ausschließt. Daher ist die Befürchtung einiger Kritiker, daß sich langfristig die politisch korrekte Kultur des weißen Amerikaners qua Zensur durchsetzen könnte, einfach unrealistisch. Im Idealfall wird das Internet zu einem Werkzeug lokaler Gemeinden, das hilft ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Denn es läßt den Zentralismus des Fernsehens und der Zeitungen hinter sich. An die Stelle des passiven Zuschauers der Fernsehwelt tritt der wesentlich aktivere Nutzer der neuen Netze, der mit Anders- oder Gleichgesinnten diverse Austauschbeziehungen unterhält, die vom digitalen Sex bis zur Koordination politischer Aktionen reichen können. Mit seinen Kommunikationsprotokollen hebt das Internet dabei aber nur die babylonische Verwirrung der diversen Computersprachen auf. Eine Welt friedvoller Koexistenz ist mit ihm nicht programmiert.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Technik und das Erhabene

Der Tagesspiegel
Interaktiv
8. Dezember 1996

Das Erhabene des World Wide Web

Dirk de Pol

Unter dem Begriff des Erhabenen beschäftigt sich die Philosophie mit der Frage, wie sich die Kräfte der Natur und des Menschen zueinander verhalten. Als erhaben gilt sowohl die im mathematischen Sinne unendliche Natur, etwa der anmutige Sternenhimmel, vor dem wir staunend stehen, aber auch die dynamische, bewegte Natur. Ihre Katastrophen müssen wir allerdings aus sicherer Distanz beobachten. Sonst können wir das durch sie ausgelöste Gefühl des Erhabenen nicht genießen. Doch durch solchen Widerstand gegen die Natur ergibt sich die folgenreiche Phantasie, der Mensch sei über die Natur erhaben. Schließlich - so lautet die Argumentation beim Idealisten Kant - gehen unsere Ideen, etwa die der moralischen Erhabenheit oder auch die der Unendlichkeit, ja noch weit über das hinaus, was uns die Sinne an Eindrücken bieten.

Offen ist aber die Frage, ob auch unsere Technologien erhaben sind, also etwa so wie unsere Vernunftideen? Oder sind sie bloß so erhaben wie die bisweilen katastrophale Natur, weil sie letztlich genau wie diese unkontrollierbar sind? Was nun das World Wide Web anbelangt, so versucht schon das animierte Icon des bekannten Netscape Navigator Antworten auf diese Fragen zu geben. Es zeigt den unüberschaubaren, unendlichen Horizont des Himmels durchzogen von mächtigen, dynamischen Kometen. Trefflicher kann man kaum unterstellen, daß das WWW zugleich sowohl das Register des Mathematisch-Erhabenen als auch das des Dynamisch-Erhabenen zieht. In der Tat ist es so gut wie mathematisch-erhaben, denn seine Seiten sind mehr, als je ein Mensch sinnlich erfassen kann und seine Topographie ist beinahe so unanschaulich wie die des Weltalls. Und tatsächlich betrifft es uns in gewisser Weise wie eine Katastrophe der dynamisch-erhabenen Natur. Da es keinen Boden, keinen Vorder-, Mittel- oder Hintergrund mehr gibt, befinden wir uns surfend nicht länger in einer Position sicherer Distanz. So entsteht eine Sogwirkung, die die heimliche Triebfeder des Surfens ist. Hineingesogen ins WWW wird jeder zu seinem subjektiven Mittelpunkt. Eine Welt, die anders als die physikalische auf Knopfdruck da ist oder auch verschwindet.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Individualkommunikation und Massenkommunikation

Der Tagesspiegel
Interaktiv
15. Dezember 1996

Abschied von der Passivität

Dirk de Pol

Ein berühmtes Motto der Aufklärung lautete zwar: "Habe Mut dich deines eigenes Verstandes zu bedienen!" Doch eine der wesentlichsten Errungenschaften der Aufklärung, nämlich die kritische Öffentlichkeit, war weitgehend nichts anderes als eine Kultur der Experten, die natürlich alles besser wußten als man selbst. Daran hat sich, was unsere Massenmedien anbelangt, bis heute nicht allzuviel geändert. Mit der Fernbedienung sind wir zwar schon zu kleinen Programmdirektoren des Kabel- und Satellitenwirrwars geworden. Doch erst mit dem World Wide Web, dem wohl aufregendsten Medium der Individualkommunikation, ist wirklich niemand mehr bloß passiver Empfänger von Botschaften und Informationen vermeintlicher Autoritäten.

An die Stelle einseitiger Kommunikation, die das Fernsehen und die Printmedien vor allem kennzeichnet, ist die Möglichkeit getreten, sich mit einer Information oder einem Werk interaktiv auseinanderzusetzen. Per Email kann man sich an fast allem direkt beteiligen, wie das aktuelle Beispiel des online publishing erneut zeigt: Noch vor dem Druck wird ein Buch über das World Wide Web zugänglich und damit kritisierbar gemacht, wovon die Druckfassung profitieren soll.

So fordert uns das WWW auf, nicht länger nur zu lauschen, sondern unsererseits zu agieren. Insofern erscheint es als eine, wenn nicht die wichtigste kommunikationstechnische Grundlage des Übergangs von der Moderne mit ihren Hohepriestern der Künste, Wissenschaften und öffentlichen Meinungen hin zu einer dynamischen Postmoderne mit ihren offenen Horizonten und Rahmenbedingungen.

Ob Nachrichtensendungen, Soaps oder auch die Printmedien - zur Hauptfunktion der Massenmedien wird im Gegenzug, das durch diese Entwicklung bedrohte gemeinschaftliche Bewußtsein, einen minimalen symbolischen Konsens aufrecht zu erhalten. Denn je mehr wir uns von einer Massenkultur hinzu einer Individualkultur bewegen, desto wichtiger werden kollektive Meinungen und Mythen.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Technik und Wissen

Der Tagesspiegel
Interaktiv
22. Dezember 1996

Die digitale Bibliothek

Dirk de Pol

Es wird zwar noch etwas dauern, doch letztlich ist es bloß noch eine Frage der Zeit und der Erfindung einer zuverlässigen digitalen Zahlungsweise bis die meisten Bücher, Dokumente, Bilder und auch Töne multimedial transformiert im World Wide Web auferstehen. Nichtsdestotrotz ist gerade das Buch - wenn man die Entwicklung der Verkaufszahlen betrachtet - erfolgreicher als je zuvor. Allerdings ist es vom Computer als Leitmedium unserer Kultur abgelöst worden. Und vergleicht man es als ein Medium des Wissens mit dem World Wide Web, so bietet dieses dem Buch und der Bibliothek gegenüber natürlich einen erheblich schnelleren Zugriff.

Fette Kataloge wälzen, unverständliche Leihscheine ausfüllen, lange Lieferzeiten abwarten - all das erspart uns das WWW als digitale Bibliothek. Und mit den verschiedenen Suchmaschinen lassen sich die unzähligen Seiten des WWW wie eine gigantische Datenbank nach beliebigen Stichworten durchsuchen. Ja, man könnte selbst versucht sein zu behaupten, daß uns das Weltweite Netz einen Teil des Denkens abnimmt: nämlich das Assoziieren und Verknüpfen von Wörtern, Sätzen, Gedanken, Ideen bis hin zu ganzen Werken.

Doch seine sogenannten Links, die viele der Millionen Seiten des WWW miteinander verbinden, sind bloß technisch implementierte Assoziationen anderer. Und wieviele vor uns über diese Pfade getrampelt sind, sagt noch lange nichts über ihre Qualität aus. Viel zu leicht führen sie uns vom Stöckchen aufs Hölzchen oder auch in morastige Hypertext-Gefilde, in deren Bedeutungs- und Assoziationsreichtum wir schnell versinken.

Daß die Metapher des Surfens sich so erfolgreich hält, ist daher überhaupt kein Wunder. Denn wer surft, kommt mit den Informationsfluten gar nicht ernstlich in Berührung. So ist surfen kein neuer Bezug zum Wissen, sondern ein beschleunigtes Blättern durch Texte und Bilder aus aller Welt. Wertvolle Fundstücke jedoch werden in die Schatzkammern der eigenen Festplatte kopiert. Wenn die kostspielige und daher meist hektische Expedition durch die Gestade der schon digitalisierten Kulturen beendet ist, können sie in Ruhe und mit Muße genossen werden: offline.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Science Fiction

Der Tagesspiegel
Interaktiv
29. Dezember 1996

Wenn Science Fiction zur Normalität wird

Dirk de Pol

Von dem Umstand, daß die Zukunft ungeschrieben ist, profitiert die Science Fiction nicht ohne Voraussetzungen. Denn wenn erst alles möglich ist, ist nichts mehr interessant, wie einst einer der Erfinder des modernen Science Fiction, H.G. Wells, weise bemerkte. Genau aus diesem Grund sind "Die ersten Menschen im Mond", von denen er erzählt, für uns weniger aufregend als "Die Zeitmaschine", von der wir noch bis heute nur träumen können. In genau dem gleichen Sinne ist auch die in den 80er Jahren dominierende Literatur der Cyberpunk-Bewegung vom Fortschritt betroffen. Die visionäre Phase kommender digitaler Realitäten ist der Normalität der neuen Kommunikationstechniken weitgehend gewichen. Die ersten Romane William Gibsons, der den Begriff Cyberspace erfunden hat, begeisterten noch mit der Vision, der menschliche Körper könne zugunsten eines digitalen überwunden werden, der in die gigantischen Datenströme eintaucht. Heute wissen wir: der Cyberspace Gibsons ist nicht mehr als eine visuelle Schnittstelle, die den unanschaulichen und unmenschlich schnellen Datenstrom in ein dem Menschen kompatibles Maß übersetzt, kurz: eine anthropomorphe Metapher. So ist auch die anfangs ungebrochene Begeisterung für die neue Medientechnologie schon lange einem kritischen Nachdenken über ihre Folgen und Auswirkungen gewichen. Der einst euphorisierende Cyberspace ist herunterbuchstabiert auf Übertragungsgeschwindigkeiten, Onlinekosten, Fragen der Zahlungsweise, Sicherheit, Zensur usw. Aus der Utopie Cyberspace ist die Realität eines digitalen Marktplatzes geworden: world wide. Doch stimmt, daß Der Geist am Ende seiner Möglichkeiten angelangt ist, wie schon H.G. Wells im Titel seines letzten Werkes resignativ verkündet? Die aktuelle Science Fiction muß das natürlich vehement bestreiten. Sie stürzt sich unverdrossen auf ein anderes, auch von Gibson schon thematisiertes Wunder: Biotechnik, dem nächsten Meilenstein zur Unsterblichkeit. Zumindest was die Suche nach Techniken der Gottgleichheit anbelangt, scheint der Geist tatsächlich noch nicht am Ende.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Gaia-Mythos

Der Tagesspiegel
Interaktiv
5. Januar 1997

Die Welt als Organismus

Dirk de Pol

Zwar warnte uns schon Friedrich Nietzsche in seiner "Fröhlichen Wissenschaft" davor, die Welt als Organismus zu verstehen. Doch für viele gewinnt dieser Gedanke immer mehr an Plausibilität, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Schon im griechischen Gaia-Mythos erscheint alles in und auf der Erde als ein einziger Organismus. Der Geophysiologe James Lovelock hat daran anknüpfend die gesamte Biosphäre mit dem Begriff Gaia bezeichnet. Gaia hat jedoch kein zentrales, sondern unzählige, nicht vernetzte, ja sogar unsichtbare Gehirne: bislang noch nicht verstandene Prozesse und Mechanismen.

Es ist kein Geheimnis, daß unsere Fortschritte diese natürliche Regulation aus dem Gleichgewicht gebracht haben, wie uns zum Beispiel das Ozonloch beweist. Einige hartnäckige Optimisten meinen jedoch nun, daß das, was die Natur wie durch unsichtbare Hand zustande bringt, nämlich Selbstregulation und Selbstheilung, auch die Menschen bewerkstelligen können, wenn sie bloß ihre Gehirne vernetzen. Das Internet soll dabei das zentrale Medium der vom Menschen mitregulierten Gaia sein. Mit ihm fange die Erde erst wirklich zu denken an, und zwar mit Superintelligenz. Dieser Ansatz hört sich so an, wie er tatsächlich ist: völlig vage.

Sicherlich wäre es schön und gut, wenn der Mensch alle natürlichen Prozesse, die er negativ beeinflußt, im nachhinein, oder noch besser von vornherein vernünftig steuern könnte. Doch Gaia ist ein offenes, sich selbstregulierendes chaotisches System, dessen Komplexität und Mechanismen sowohl den Menschen als auch sein Lieblingsspielzeug, den Computer, bei weitem überfordern. Zwar liegt auch in der chaotischen Gaia eine Ordnung verborgen. Nur ist sie dem Menschen über eine computergestützte Visualisierung hinaus kaum zugänglich. So stimmt zwar, daß wir mit der Chaostheorie der Natur ein weiteres Stück auf die Schliche gekommen sind. Aber hinter dem Vorsatz, sie in den Dienst der Beherrschung der Welt zu stellen, steht die gleiche Hybris, die uns den gegenwärtigen Zustand der Welt beschert hat. Das Wunder einer durch das Internet gestützten Superintelligenz wird uns aus ihm genauso wenig hinaushelfen, wie der Gott, von dem Nietzsche meint, wir hätten ihn getötet.

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

Artikel aus dem Tagesspiegel

 

Stichwort: Geschichtsschreibung

Der Tagesspiegel
Interaktiv
12. Januar 1997

Lehre der Geschichte

Dirk de Pol

Die Geschichte der Geschichte lehrt, daß sie eine geistige Konstruktion ist, die einem stetigen Wandel unterliegt. Worin aber ist die permanente Revision der Geschichte über eigennützige Interessen hinaus begründet?

Sicherlich ist ein Aspekt, daß sich Menschen, die Zugang zu Quellen, Informationen und Medien haben, in denen sie ihre daraus gezogenen Schlußfolgerungen darlegen können, gegen jene durchsetzen, denen diese Möglichkeit fehlt. Davon kann aber angesichts unserer Medienkultur eigentlich keine Rede mehr sein. Denn historische und aktuelle Informationen demokratisieren sich immer mehr. Immer mehr des Gedächtnisses der Menschheit wird in irgendeiner Form auf externen Speichern gesichert.

Doch genau damit kommen ganz neue Probleme auf uns zu. Denn wie soll in Zukunft aus dieser Unmenge an Informationen und Erinnerungen Geschichte werden, wie wir sie noch aus unseren Schulbüchern kennen? Die Informationsflut, die uns die alten und neuen Medien bescheren, schreibt nicht nur Geschichte, sondern verwischt auch ihre Spuren. Keiner weiß heute, wie sich das auf die Baupläne für das Konstrukt Geschichte auswirken wird. Wie können wir etwa sicher stellen, das wir auch künftig aus der Geschichte noch lernen, statt sie zum Sammelsurium trügerischer, da editierter Erinnerungen zu machen? Und welche Authentizität werden wir überhaupt noch Quellen und Dokumenten zugestehen, die fast nur noch digital und damit hochgradig manipulierbar sind?

 
© 1996 Dirk de Pol; © 1996 Der Tagesspiegel

 

 

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